Sonnenkönig

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Sonnenkönig

von Sebastian Pomm

Was er im Sommer besonders liebte, waren die Sonntagnachmittage.Wenn jeder Zeit hat, und niemand Lust irgendetwas zu tun. In herrlicher Langeweile auf dem Sofa liegen und zuschauen, wie der Staub im Licht der Sonne tanzt.

Wenn die Großen sich nach ihrem Verdauungsspaziergang dann hinlegten um zu schlafen, schwang er sich entschlossen auf sein kleines Fahrrad um allein, als kleiner König der Welt in seinem Reich nach dem Rechten zu sehen. Eine schweigende Welt aus staubigen Fußwegen und flimmernden Straßen, an denen sich große blassbunte 3 bis 4-stöckige Jugendstilhäuser müde aneinander lehnten um nicht im wabernden Asphalt zu versinken.

So strampelte er langsam und schnaufend Berg auf, rasend und jauchzend Berg ab und würdevoll gemächlich gerade aus. Hoch und stolz erhobenen Hauptes an den seltenen, von der Hitze gebeugt gehenden Fußgängern vorbei blickend. Manchmal schnitt er auch Grimassen und streckte ihnen die königliche Zunge raus, würdevoll versteht sich.

Wenn das dröhnen einer Karre ab und zu durch die schlafende Stille schnitt, so musste das rauchende Ungetüm, wenn es das Pech hatte dem König der Welt zu begegnen, so lange mit hängendem Drachenhaupt fauchend und hupend hinter dem Schlängellinien fahrenden Sonntagsaristokraten her schleichen bis dieser sich herabließ die Bahn frei zu geben, oder in einem Anflug von Gnade beschloss, virtuos nur mit einer Hand sein Drahtross führend, den vierrädrigen Lindwurm mit erhabener Gebärde der freien Hand vorbei zu winken.

So wachte er über sein kleines Reich, in dem er jeden Schleichweg, jedes Versteck, jeden Stock und jeden Stein kannte. So wachte er, der König in kurzen Hosen, T-Shirt und Dachmütze.So wachte er über sein Reich der Sonne.

Pflichtbewusst hielt er an Ameisenstraßen, sperrte sein Streitross ab und folgte den schwarz glitzernden Pfaden zu Fuß durch schattige Hinterhöfe, an rissigen Mauern entlang, über Gehsteige, kleine Wiesenflecken und sorgfältig gepflegte Trampelpfade in Schrebergartenhecken, bis zu den versteckten winzigen Städten in denen ihm seine treuesten und kleinsten Untertanen zu huldigen pflegten. Dort verweilte er, ließ sich in voller Größe bestaunen, prüfte mit leuchtenden Augen sorgfältig jedes neue Wachstum im Staat, verteilte ab und zu mit klebrigen Aristokratenhänden geschmolzene Leckereien aus seinen Hosentaschen an das Volk oder pikste gekonnt Stöcke an entscheidenden Stellen in die wuselnden Haufen um die Statik zu verbessern oder faule Untertanen zu strafen.

Dann schwang er sich wieder auf sein Roß, wich glitzernden Glasscherben vor alten Bruchbuden aus, ließ sich schreiend von ärgerlich summenden Wespen jagen, die er bei ihrem trägen Umkreisen der Mülleimer mit Steinschleuderbeschuss gestört hatte. Er übte Staubwolken werfende Vollbremsungen auf dem sorgfältig im Gleichmaß verteilten Schottersand verlassener Bolzplätze bis diese von einem Furchenmuster bedeckt waren, an Gartenzäunen ließ er in rasender Fahrt lachend den Haselnussast der Gerechtigkeit rattern und brachte so die Holzlatten zum singen, durch den großen geometrischen Garagenkomplex fuhr er stolz grinsend und freihändig, und erkundete ehrfürchtig den seit Jahren geschlossenen, kleinen Bahnhof, dessen einziges Gleis unter dem verbrannten Gestrüpp das dort überall wucherte kaum zu sehen war.

In ein dickes, altes Zementrohr, aus dessen tiefen ein ewiges, müffelndes Rinnsal troff, sang er lauthals seine Lieder in einer Sprache, die nur ein König der Sonne und seine Untertanen verstehen konnten und bei jeder Strophe begleitete ihn der Chor der Geister aus der dunklen Tiefe, die aus Ehrfurcht seine Stimme nachahmten und deren Freudentränen das Rinnsal verursachten wenn sie den kleinen König hörten, und deren Tränen der Klage das Rinnsal erhielten wenn der König wegging, weil sie ihn niemals durch das Sonnenlicht begleiten durften.

Ja er war ein strenger König, unser kleiner Monarch doch wusste er, das es so am besten war, für die traurigen Geister.

Zurück auf den sonnenbetäubten Straßen fuhr er mit der klingelnden, klappernden Straßenbahn um die Wette, ließ sie aber, Atemlosigkeit vortäuschend, immer gewinnen, denn weise war er auch, und machte sich die schlechten Verlierer zu Freunden, in dem er selbst verlor.

Und wie stattlich war er, der kleine Kavalier auf seiner Drahtkavallerie, auf dem Ross dem er nur wenig Öl zu trinken gab, das es besser wieherte, so fuhr er, wie zufällig, Ehrenrunden in einem besonderen Hinterhof vor dem besonderen Fenster einer kleinen blonden Prinzessin die er, waren seine Freunde dabei, stets an den Haaren zog oder boshaft mit gefangenen Spinnen und Käfern ärgerte. Bei den einsamen Sonntagsheimsuchungen aber, blickte er nie auf zu den Blumengardinen, selbstverständlich nicht aus Schüchternheit, sondern in dem sicheren Wissen das man ihn sah, hörte und bestaunte, wie er quietschend den Hof machte.

Und edel war sein Herz, gütig und rein, wenn er gefangene Schmetterlinge wieder aus seinen Händen entließ und offenen Mundes ihren unsteten Flug verfolgte oder die hastig strampelnden Mückenlarven geschickt aus Regentonnen rettete, wenn er mit dem Haselnussast der Gerechtigkeit schreiend gegen die Heere wuchernder Brennnesseln anrannte bis seine unbedeckten Beine und Arme schrecklich juckten oder wenn er im kleinen schattigen Wald in einer verzauberten Ecke der Welt von den quakenden Feen, den zwitschernden Elfen und flitzend glitzernden Libellen beobachtet wurde, wie er das nur grade so zu überspringende, reißende Bächlein fleißig mit Dämmen aus Steinen staute, so kunstfertig und für die Ewigkeit errichtet, das die Ägypter sich bei deren Anblick wegen ihrer mickrigen Pyramiden in Grund und Boden geschämt hätten.

So wachte er, der kleine König eines großen Reiches, so prüfte und erhielt er die Ordnung, geschulten Blickes und weisen Entschlusses.

So wachte er über die Welt, der König. So wachte er, bis die heißen, blassen Strahlen der Sonne, golden und spärlich wurden und die schummrig abkühlende Luft sich mit dem starken Aroma der entfachten Grillkohleglut füllte und es nach grünem Salat, roten Tomaten, frisch geschnittenem Brot, abkühlendem Asphalt und kaltem Wasser duftete, bis langsam die Großen erwachten, bis aus den geöffneten Fenstern der Häuserreihen die Stimmen der Fernseher, die nun statt der Straßen flimmerten, laut wurden und bis in den Gärten am Rande der Welt geklappert, geklirrt und geredet wurde und erste Lichter den Mücken zeigten, wo sie hin fliegen mussten.

Dann ritt er, der Kurzehosenmonarch, auf seinem treuen Ross, glücklich und hungrig zurück in seine Burg.

Wo seine Mutter schon im Garten nach ihm rief, wo die Großmutter wegen seiner aufgeschürften Knie erschrak, während der Großvater leise lächelte. Wo er sein Fahrrad zurück in den Schuppen schob, wo er dem Vater beim Grillen störte, die Geschwister ärgerte und alle mit seinen ewigen Fragen nervte.

Um dann als kleiner müder Junge mit vollem Bauch und gutem Gewissen, wie die Sonne hinter dem Horizont, zufrieden in sein weiches Bett zu sinken und von großen Taten, von kleinen Untertanen, feurigen Ungetümen, Erdgeistern, blonden Prinzessinnen und einer stillen, friedlichen Welt, ganz von Licht durchflutet, zu träumen.

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Flaschensammlermädchen

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Flaschensammlermädchen

von Lutzi Luise Lu

Ich gehe durch die Straßen und meine Tasche klirrt bei jedem Schritt. Es ist heiß heute und die Riemen meines Beutels schneiden in meine Schulter und hinterlassen dort hässliche rote Abdrücke. Ich bin müde, meine Füße schmerzen, ich rieche säuerlich nach Schweiß.

Das liegt alles an dieser Stadt. An dieser Vergangenheit, an dieser Zukunft, an meinen Erinnerungen, an meinen Wünschen. Ich habe keine Zeit, mich zu waschen. Ich bin beschäftigt und überwältigt, ich brenne, ich laufe, ich schreie. Ich eile von Ort zu Ort, Schritt für Schritt, den einen Fuß wacker-tapfer vor den anderen setzend. Meine Blicke wandern über Menschen, über ihre Körper, oh über diese schönen fremden Körper, ihre Gesichter, ihre Münder. Ich schaue Häuser an und Fassaden, ich versuche, in Fenster hinein zu starren und das Leben dort hinaus zu saugen. Ich verschlinge mit meinem Verstand, ich öffne mein Herz und lasse sie herein, diese Stadt, die ich so liebe!

Meine Tasche klirrt bei jedem Schritt, denn ich bin ein Flaschensammlermädchen. Ich fülle alle Eindrücke in leere Flaschen, dann klebe ich ein weißes Etikett auf die durchsichtigen Glasgefäße, beschrifte die Erinnerungen ordentlich und verstaue alles in meiner Tasche. Tag für Tag, Stunde um Stunde. Es gibt so viel zu sehen, so viel zu merken, so viel zu lieben, wie soll ich mich da noch waschen? Ich liebe dieses Leben, ich liebe diese Stadt.

Jeder sollte einen Beutel mit Flaschen dabei haben. Wer weiß schon, wer dir begegnet und was dir begegnet, jeden Tag, in deiner Stadt?

Der letzte Tag des Sommers

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Der letzte Tag des Sommers

von Lutzi Luise Lu

Das war der letzte Tag des Sommers. Und ich war dabei! Welch großes Ereignis. Eigentlich war jeder dabei, alle quetschten sich auf ein kleines Stückchen Wiese und kämpften um den berühmten Platz an der Sonne, wie damals im Kolonialismus. Nur heute auf der zwischenmenschlichen Ebene und die Größe des zu erwerbenden Platzes überschritt keinen Quadratmeter. Am Rand der Wiese sitzt ein alter Kerl, mit Saxophon, Notenständer, Verstärker und Musikanlage. Er spielt sein Instrument und aus dem Lautsprecher drängen feinen Fahrstuhl-Jazzklänge der Freiheit entgegen. Wie passend, für diesen letzten Sommertag.

Und überall diese Pärchen. Sehen so zufrieden aus, halten sich im Arm, diese  zwei… Denken, sie sind im Märchen, sind aber doch nur ein Pärchen… Volle Fahrt voraus für Leichtprinzen und Leichtprinzessinnen. Er steht hinter ihr, umfasst locker ihre Taille, sie wackelt ein bisschen mit den Hüften, im Takt der Musik.

Wie schaffen die es nur, ihr Glück selber auszuhalten. Merken verliebte Menschen überhaupt irgendetwas? Ich stopfe meinem Neid das vorlaute Maul und finde es ganz wunderbar, dass gleich nebenan ein paar Penner sitzen, im Schatten natürlich. So, als ob sie noch einmal betonen wollen, dass sie bestimmt nicht um einen Platz an der Sonne buhlen. Eine Frau ist dabei, sie ist schwanger. Und schaut traurig aus. Im Schatten ist es kälter, der Wind kündigt den Herbst an und da, wo die Sonne nicht mehr hinkommt, hat der Herbst das Zepter in der Hand. Der Blick der Schwangeren ist sehnsüchtig auf die wärmere Seite der Wiese gerichtet, dorthin, wo die Brunnen stehen und den Jazz plätschernd unterstreichen.

Apropos Jazz? Wo ist der Saxophonspieler? Der alte Mann ist gegangen. Im Schweiße seines Angesichts hat er den letzten Sommertag musikalisch ins Finale gebracht. Aber nun scheint auch er den Herbst gespürt zu haben. Auch die Seniorinnen mit ihren Gehhilfen und Gesundheitsschuhen treten den Heimweg an. Ihnen ist zu kühl um die alten Knoche geworden.

Aber da hinten, da zappelt noch etwas, da lebts noch! Ein kleiner Mensch, ein klitzekleiner Fratz ohne Haare und mit O-Beinen. Der kleine Mensch trägt schon ein Karohemd. Ob er wohl mal Maschinenbau studieren muss? Na, da will ich lieber gar nicht weiter drüber nachdenken. Aber ein Eis darf er essen, wenigstens etwas.

Das Gefühl, nicht lachen zu dürfen, obwohl man innerlich zerspringen will vor kichernder Glückseligkeit, das kennen wir doch alle. Da hinten, da trampelt eine Erscheinung auf mich zu, wild entschlossen, wie eine Stampede. Der trinkt doch tatsächlich aus der Brunnenfontäne, der Kerl. Was trägt er denn da bloß? Nicht viel. Eine extrem kurze, hochgekrempelte Armeehose, schwarze derbe Frauenstiefel mit Absatz, einen Rucksack und ein Cap. Kein Hemd kein Shirt, nur langsam verblassende Tätowierungen. Mit strammem Schritt stürmt er an mir vorbei, weg, weg von all den Menschen, die ihn beäugen und weg vom Schauplatz meiner Beobachtungen. Er zieht von Dannen und mit seinem Abgang fällt der Vorhang und was bleibt, ist die Leere des tosenden Applauses.

Meine Damen und Herren, sie sahen den letzten Tag des Sommers.

Mein neues Lächeln

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Mein neues Lächeln

von Lutzi Luise Lu

Ist denn das zu fassen? Nichts ist heute zu fassen. Ich habe zwischen Sonnenuntergang und Morgengrauen meine Fassung verloren. Jetzt schwebe ich ohne Halt über den Dingen, kann nicht sprechen und  nicht fassen, nicht anfassen, nicht angefasst werden. Aber ich sehe alles. Von oben. Ich oben und der Rest unter mir. Heute ohne Fassung, eine Prinzessin des Diktates der Heiterkeit.

Warum sehen die Menschen so glücklich aus? Wer guckt hier verkehrt? Ich schaue in den Spiegel und sehe eine fröhliche Fassade aus Glitzer und roter Farbe, eine fest angewachsene Maske. Wer hat sie mir verkauft und wann habe ich sie bloß angezogen? Die Frau mit der eisernen Maske gibt ihr Debüt.

Die Außenwelt fasziniert mich. Ohne Fassung spaziere ich umher. Hellgrün schimmerndes Gras, mitten im Herbst, wogt im Wind während die Sonne brennt. Die Spatzen nehmen immer noch ein Staubbad und erfreuen sich an den kleinen Brocken der herunter gekleckerten Eistüten. Das Pendel der Zeit schwingt und ich soll den Himmel in fünf ganzen Sätzen beschreiben. Ich kann es nicht, er ist zu groß und ich kann auch keine ganzen Sätze bauen, denn heute ist alles nur halb. Halbherzig, halbwach, halbstark.

Die Bewohner der Welt um mich herum sind wie die drei Affen. Nichts sehen, nichts sagen, nichts hören. Keiner hat den Zugang jemals zu sich selbst gefunden, es gibt bestenfalls eine vergammelte und verschlossene Tür in einem halbdunklen Hinterzimmer, von der man eine leise Ahnung hat. Auch die drei Affen wollen nichts Böses mitbekommen. Warum sehen die Menschen dann so glücklich aus?

Gerade deshalb sehen sie glücklich aus, weil sie nicht nach ihrem Platz suchen, sondern weil sie da sind. Einfach da. Haben sie denn den Kontakt zu sich verloren? Ich versuche, mich anzufassen, aber ich habe ja letzte Nacht die Fassung verloren. Ich weiß nicht mehr wer, aber irgendjemand sang einmal „Das Leben ist ein Kopfschmerz und es wird Zeit, dass du ihn spürst“. Ich glaube, ich weiß heute, was er damit meint und ich hoffe sehr, dass ich es sobald nicht vergessen werde.

Die Sonne scheint immernoch und der Tag schleudert mir aufgedunsene Fröhlichkeit entgegen.

„FANG ENDLICH AN ZU LEBEN!“, schreit er.

„SCHÜTTEL DEINEN SPECK!“, schreit er dann auch noch und das klingt gefährlich nach einer Berliner Große-Schnauze-Band.

Man darf nicht mehr traurig sein, oder schlecht gelaunt, oder müde. Schon gar nicht darf man ohne Fassung sein. Im Jahr 2010 leben wir nicht in einer parlamentarischen Demokratie sondern in der gottverdammten und deshalb säkularisierten Diktatur der Heiterkeit. Alle sind weichgespült und irgendwie pc, viele meditieren oder machen Yoga, einige schmeißen sich ihr Glück in Pillenform, meistens am Wochenende: Alle sind immer bemüht, verdammt nochmal mit einem Lächeln im Gesicht rumzurennen.

Vielleicht sollte ich mir im Baumarkt eine Fassung kaufen oder in dieses Buch reinschauen, was beim Zahnarzt stand. „Mein neues Lächeln“. Wie die das wohl meinen?

Tourner la page!  Einen Schlusstrich ziehen, die Seite umblättern. Wieder ist alles leer. Ob ich hier nun fündig werde? Niemand gibt mir eine Garantie, nicht auf eine neue Fassung, nicht auf mein Lächeln, nicht auf meine Liebe. Das einzige, was eine ewige Wiederkehr erfährt, ist der Kopfschmerz, als Ende einer gelungenen Late-Night-Show, als Schnellwaschgang im Waschsalon, wenn die Zeit und das Geld wieder knapp sind.

Eventuell kann ich mein altes Lächeln in die Reinigung tragen und lernen, ohne Fassung zu leben.

Eine sehr kleingeistige Ode an die Vomitation

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Eine sehr kleingeistige Ode an die Vomitation

Von Lutzi Luise Lu
Ich liebe Fremdworte. Gekonnt gesetzt schinden sie doch immer ordentlich Eindruck. Und ab und zu muss auch ich meinem Kleingeist und der Engstirn etwas Auslauf erlauben.

Wir klatschen in die Hände und grinsen dummdreist in die Kamera. In was für einer Gesellschaft leben wir hier eigentlich? In den Momenten, in denen ich wirklich die Augen aufmache und um mich blicke, meine Mitmenschen, Genossinnen und Genossen wahrnehme, da freue ich mich doch wirklich über die grandiose körperliche Fähigkeit der Vomitation oder auch Regurgitation. Was extrem vornehm ausgedrückt Kotzen bedeutet. Also heißt mein Text eigentlich Ode an das Kotzen, aber das hört sich nicht so fein an und wir sind ja heute Abend schließlich in einer Galerie zu Gast, und man soll sich ja nicht fremdschämen, meinetwegen.

Also, ich erfreue mich in manchen Momenten der geistigen Klarheit an der Fähigkeit des Erbrechens. Man muss es ja auch nicht übertreiben, das soll ja nicht so gesund sein. Zumindest im übertragenen Sinne. Ihr wisst schon: Manchmal könnt ich kotzen.

Besonders gerne wird mir schlecht, wenn ich Politiker in Talkrunden sehe. Da wäre ich doch wieder bei dem dummdreisten in die Kamera-Gegrinse und Geklatsche. Publikum, Gäste und ModeratorIn glotzen mit glänzenden Augen in die umher schwenkenden Linsen und freuen sich auf das vor ihnen liegende 90-minütige Hohlephrasendreschen.  Warum schaue ich mir das überhaupt an?

Das ein oder andere Mal zwingt mich mein kläglich ausgebildetes studentisches Gewissen, der mir selbstverständlich angeborene analytische Blick sowie mein wissenschaftlicher Forscherdrang zum Begutachten solch mit Hysterie gepaarter zur Schau gestellter Unwissenheit. Das habe ich einzig und allein meiner grandiosen Studienwahl zu verdanken, denn ich beabsichtige, einmal studierte Politologin zu sein. Ich hoffe doch sehr, dass sich das Ganze nicht doch noch als fataler Fehler herausstellt und ich zusammen mit meinem Abschluss ein Magengeschwür bekomme oder zumindest ernsthafte Speiseröhrenverletzungen.

Dieses politische Alltagsgeschäft ist doch der reinste Dreck, das wusste schon Machiavelli und nur der durchtriebene und rücksichtslose Fürst (Il Principe) kann wahrlich erfolgreich regieren. Es heißt übrigens, dass mit Machiavelli ein neues Zeitalter begann, nämlich das der politischen Wissenschaft.  Er war einer der bedeutendsten Staatsphilosophen und meine messerscharfe Analyse besagt, dass wir uns immer noch in einer machiavellistischen Ära befinden. Wer studiert denn überhaupt Politikwissenschaft? Wer hängt sich denn an Politik? Hängen wir alle mit drin, können dem Geschäfte nicht entfliehen, trotz noch so großartig ausagierter Politikverdrossenheit?

Wer ist das Volk? Wir sind das Volk! Auch das war eine große Lüge. Wir kennen uns doch alle nicht und trotzdem wollen wir oder sollen wir ein Kollektiv darstellen? Das Volk als riesengroße Imagination, als Projektionsfläche des Machtanspruches der wenigen Regierenden.

Die Westerwelles, Merkels und Gabriels machen keinen Spaß mehr. Was heißt doch gleich noch Demokratie? Die Herrschaft des Volkes oder Herrschaft über das Volk? Die Historiker streiten sich und doch scheint es eher Letzteres zu sein, meine Damen, meine Herren. Oder wie konnte sonst so heimlich still und leise an uns, dem harmonischen Massenauflauf vorbei, eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke verabschiedet werden? War es auch das Sommerloch? Eine Ode an die Vomitation.

Auch ein sehr schöner Anlass, sich sein Abendessen nochmal durch den Kopf gehen zu lassen, ist der Nacktscanner. Nackt? Naja, fast! Das wäre ja wenigstens noch von pornografischer Relevanz. Es ist der neuste Schrei auf dem großen Jahrmarkt der Menschenverarsche. Wenn wir schon ein Volk sein müssen, warum können wir uns dann nicht kollektiv wehren? Flugastkontrollsystem! Spielt jemand mit mir Galgenraten? Ich könnte kotzen.

Der Ganzkörperscanner steht seit dem 27.9. am Hamburger Flughafen und ist noch natürlich im Probelauf mit den sogenannten „Kinderkrankheiten“ (Zitat de Maiziere, seines Zeichens Innenminister). Kinderkrankheiten heißt in dem Fall, es piept die ganze Zeit und kein Passagier wird freigegeben. Naja, fliegt halt keiner mehr ab Hamburg. Als special effect sozusagen muckt der Apparat auch bei künstlichen Darmausgängen. Hereinspaziert, hereinspaziert: Zeigt her eure Darmausgänge, keine falsche Scham, wir sind doch schließlich im 21.Jahrhundert!

Wenn das kein Grund zum Kotzen …ääähm…zum Vomitieren ist!

Und wer sind eigentlich diese 700.000 Menschen, die hingehen und sich das Scheißbuch von Thilo Sarrazin kaufen, in dem er es bedauert, dass DIE Deutschen sich eventuell abschaffen könnten? Und Joachim Gauck, der wie eine Behörde heißt (oder heißt die Behörde etwa so wie er?) und der dazu auch noch ein elender Vollblutdemokrat ist, der Wendebengel, der plaudert im Radio über Redefreiheit und wo wir denn hinkämen, wenn ein Herr Sarrazin nicht das Recht auf freie Meinungsäußerung hätte. Und unweigerlich hat auch jeder Mensch das Recht auf Irrtum. Punkt.

Ja, aber muss man sich denn lauthals und in Buchform in der angestrengten Öffentlichkeit irren? Ich habe das Recht auf Kotzen, auf Vomitieren, ist mir auch schon egal, jetzt hab ich mich sowieso in Rage geredet. Trotz oder wegen der Redefreiheit, der wunderbaren Meinungsfreiheit. Und übrigens auch der Freiheit zum Weghören, zum Weggehen, zum Kritisieren.

Meine werten Gäste und alle anderen Anwesenden, ich danke für die verschwenderische Aufmerksamkeit. Ihr werdet irgendwann merken, wozu das alles gut war…

Grau

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Grau

von Jenny Roewekamp

Den mit einer Rasierklinge gestutzten Rasen
Goss ich heut im Regen
Mit groß gebärdender Geste
Der Versuch
Die Luft zu melken
Um Zeichen zu finden
Die auf Antworten hinweisen könnten
Antworten zu finden
Die ihrerseits auf ein Zeichen hinweisen
Von Veränderung

Stattdessen tropft es Welt
Tropft laut und geschäftig
Auf Haut hinter der nichts mehr ist

Der Wind ändert seine Richtung nicht
Die Wolken wandern wie Perlen
Aufgereiht auf einer Schnur-
Installierte Schablonen mit Watte und Wasser befüllt

[Das expressionistische Experiment…]

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für [Das expressionistische Experiment…]

von Jennie Roewekamp

Sonnenschein in der Antarktis
Rasende Wolken schwängern
Die Luft mit Elektrizität
Blühende Blumen über spiegelnden Flächen
Kinder verblühter Kristalle

Schmelzwasser gräbt Bäche ins Eis
Tatzen tappen ins Leere
Wandern weit in die weiße Wüste
Bleiben verloren
Als Figuren einer überholten Zeit

Wo bin ich?

Du siehst dir momentan die Archive für Oktober, 2010 auf Roman C. an.