Der letzte Tag des Sommers

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Der letzte Tag des Sommers

von Lutzi Luise Lu

Das war der letzte Tag des Sommers. Und ich war dabei! Welch großes Ereignis. Eigentlich war jeder dabei, alle quetschten sich auf ein kleines Stückchen Wiese und kämpften um den berühmten Platz an der Sonne, wie damals im Kolonialismus. Nur heute auf der zwischenmenschlichen Ebene und die Größe des zu erwerbenden Platzes überschritt keinen Quadratmeter. Am Rand der Wiese sitzt ein alter Kerl, mit Saxophon, Notenständer, Verstärker und Musikanlage. Er spielt sein Instrument und aus dem Lautsprecher drängen feinen Fahrstuhl-Jazzklänge der Freiheit entgegen. Wie passend, für diesen letzten Sommertag.

Und überall diese Pärchen. Sehen so zufrieden aus, halten sich im Arm, diese  zwei… Denken, sie sind im Märchen, sind aber doch nur ein Pärchen… Volle Fahrt voraus für Leichtprinzen und Leichtprinzessinnen. Er steht hinter ihr, umfasst locker ihre Taille, sie wackelt ein bisschen mit den Hüften, im Takt der Musik.

Wie schaffen die es nur, ihr Glück selber auszuhalten. Merken verliebte Menschen überhaupt irgendetwas? Ich stopfe meinem Neid das vorlaute Maul und finde es ganz wunderbar, dass gleich nebenan ein paar Penner sitzen, im Schatten natürlich. So, als ob sie noch einmal betonen wollen, dass sie bestimmt nicht um einen Platz an der Sonne buhlen. Eine Frau ist dabei, sie ist schwanger. Und schaut traurig aus. Im Schatten ist es kälter, der Wind kündigt den Herbst an und da, wo die Sonne nicht mehr hinkommt, hat der Herbst das Zepter in der Hand. Der Blick der Schwangeren ist sehnsüchtig auf die wärmere Seite der Wiese gerichtet, dorthin, wo die Brunnen stehen und den Jazz plätschernd unterstreichen.

Apropos Jazz? Wo ist der Saxophonspieler? Der alte Mann ist gegangen. Im Schweiße seines Angesichts hat er den letzten Sommertag musikalisch ins Finale gebracht. Aber nun scheint auch er den Herbst gespürt zu haben. Auch die Seniorinnen mit ihren Gehhilfen und Gesundheitsschuhen treten den Heimweg an. Ihnen ist zu kühl um die alten Knoche geworden.

Aber da hinten, da zappelt noch etwas, da lebts noch! Ein kleiner Mensch, ein klitzekleiner Fratz ohne Haare und mit O-Beinen. Der kleine Mensch trägt schon ein Karohemd. Ob er wohl mal Maschinenbau studieren muss? Na, da will ich lieber gar nicht weiter drüber nachdenken. Aber ein Eis darf er essen, wenigstens etwas.

Das Gefühl, nicht lachen zu dürfen, obwohl man innerlich zerspringen will vor kichernder Glückseligkeit, das kennen wir doch alle. Da hinten, da trampelt eine Erscheinung auf mich zu, wild entschlossen, wie eine Stampede. Der trinkt doch tatsächlich aus der Brunnenfontäne, der Kerl. Was trägt er denn da bloß? Nicht viel. Eine extrem kurze, hochgekrempelte Armeehose, schwarze derbe Frauenstiefel mit Absatz, einen Rucksack und ein Cap. Kein Hemd kein Shirt, nur langsam verblassende Tätowierungen. Mit strammem Schritt stürmt er an mir vorbei, weg, weg von all den Menschen, die ihn beäugen und weg vom Schauplatz meiner Beobachtungen. Er zieht von Dannen und mit seinem Abgang fällt der Vorhang und was bleibt, ist die Leere des tosenden Applauses.

Meine Damen und Herren, sie sahen den letzten Tag des Sommers.

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