Flaschensammlermädchen

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Flaschensammlermädchen

von Lutzi Luise Lu

Ich gehe durch die Straßen und meine Tasche klirrt bei jedem Schritt. Es ist heiß heute und die Riemen meines Beutels schneiden in meine Schulter und hinterlassen dort hässliche rote Abdrücke. Ich bin müde, meine Füße schmerzen, ich rieche säuerlich nach Schweiß.

Das liegt alles an dieser Stadt. An dieser Vergangenheit, an dieser Zukunft, an meinen Erinnerungen, an meinen Wünschen. Ich habe keine Zeit, mich zu waschen. Ich bin beschäftigt und überwältigt, ich brenne, ich laufe, ich schreie. Ich eile von Ort zu Ort, Schritt für Schritt, den einen Fuß wacker-tapfer vor den anderen setzend. Meine Blicke wandern über Menschen, über ihre Körper, oh über diese schönen fremden Körper, ihre Gesichter, ihre Münder. Ich schaue Häuser an und Fassaden, ich versuche, in Fenster hinein zu starren und das Leben dort hinaus zu saugen. Ich verschlinge mit meinem Verstand, ich öffne mein Herz und lasse sie herein, diese Stadt, die ich so liebe!

Meine Tasche klirrt bei jedem Schritt, denn ich bin ein Flaschensammlermädchen. Ich fülle alle Eindrücke in leere Flaschen, dann klebe ich ein weißes Etikett auf die durchsichtigen Glasgefäße, beschrifte die Erinnerungen ordentlich und verstaue alles in meiner Tasche. Tag für Tag, Stunde um Stunde. Es gibt so viel zu sehen, so viel zu merken, so viel zu lieben, wie soll ich mich da noch waschen? Ich liebe dieses Leben, ich liebe diese Stadt.

Jeder sollte einen Beutel mit Flaschen dabei haben. Wer weiß schon, wer dir begegnet und was dir begegnet, jeden Tag, in deiner Stadt?

Werbeanzeigen

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

Was ist das?

Du liest momentan Flaschensammlermädchen auf Roman C..

Meta