Mein neues Lächeln

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Mein neues Lächeln

von Lutzi Luise Lu

Ist denn das zu fassen? Nichts ist heute zu fassen. Ich habe zwischen Sonnenuntergang und Morgengrauen meine Fassung verloren. Jetzt schwebe ich ohne Halt über den Dingen, kann nicht sprechen und  nicht fassen, nicht anfassen, nicht angefasst werden. Aber ich sehe alles. Von oben. Ich oben und der Rest unter mir. Heute ohne Fassung, eine Prinzessin des Diktates der Heiterkeit.

Warum sehen die Menschen so glücklich aus? Wer guckt hier verkehrt? Ich schaue in den Spiegel und sehe eine fröhliche Fassade aus Glitzer und roter Farbe, eine fest angewachsene Maske. Wer hat sie mir verkauft und wann habe ich sie bloß angezogen? Die Frau mit der eisernen Maske gibt ihr Debüt.

Die Außenwelt fasziniert mich. Ohne Fassung spaziere ich umher. Hellgrün schimmerndes Gras, mitten im Herbst, wogt im Wind während die Sonne brennt. Die Spatzen nehmen immer noch ein Staubbad und erfreuen sich an den kleinen Brocken der herunter gekleckerten Eistüten. Das Pendel der Zeit schwingt und ich soll den Himmel in fünf ganzen Sätzen beschreiben. Ich kann es nicht, er ist zu groß und ich kann auch keine ganzen Sätze bauen, denn heute ist alles nur halb. Halbherzig, halbwach, halbstark.

Die Bewohner der Welt um mich herum sind wie die drei Affen. Nichts sehen, nichts sagen, nichts hören. Keiner hat den Zugang jemals zu sich selbst gefunden, es gibt bestenfalls eine vergammelte und verschlossene Tür in einem halbdunklen Hinterzimmer, von der man eine leise Ahnung hat. Auch die drei Affen wollen nichts Böses mitbekommen. Warum sehen die Menschen dann so glücklich aus?

Gerade deshalb sehen sie glücklich aus, weil sie nicht nach ihrem Platz suchen, sondern weil sie da sind. Einfach da. Haben sie denn den Kontakt zu sich verloren? Ich versuche, mich anzufassen, aber ich habe ja letzte Nacht die Fassung verloren. Ich weiß nicht mehr wer, aber irgendjemand sang einmal „Das Leben ist ein Kopfschmerz und es wird Zeit, dass du ihn spürst“. Ich glaube, ich weiß heute, was er damit meint und ich hoffe sehr, dass ich es sobald nicht vergessen werde.

Die Sonne scheint immernoch und der Tag schleudert mir aufgedunsene Fröhlichkeit entgegen.

„FANG ENDLICH AN ZU LEBEN!“, schreit er.

„SCHÜTTEL DEINEN SPECK!“, schreit er dann auch noch und das klingt gefährlich nach einer Berliner Große-Schnauze-Band.

Man darf nicht mehr traurig sein, oder schlecht gelaunt, oder müde. Schon gar nicht darf man ohne Fassung sein. Im Jahr 2010 leben wir nicht in einer parlamentarischen Demokratie sondern in der gottverdammten und deshalb säkularisierten Diktatur der Heiterkeit. Alle sind weichgespült und irgendwie pc, viele meditieren oder machen Yoga, einige schmeißen sich ihr Glück in Pillenform, meistens am Wochenende: Alle sind immer bemüht, verdammt nochmal mit einem Lächeln im Gesicht rumzurennen.

Vielleicht sollte ich mir im Baumarkt eine Fassung kaufen oder in dieses Buch reinschauen, was beim Zahnarzt stand. „Mein neues Lächeln“. Wie die das wohl meinen?

Tourner la page!  Einen Schlusstrich ziehen, die Seite umblättern. Wieder ist alles leer. Ob ich hier nun fündig werde? Niemand gibt mir eine Garantie, nicht auf eine neue Fassung, nicht auf mein Lächeln, nicht auf meine Liebe. Das einzige, was eine ewige Wiederkehr erfährt, ist der Kopfschmerz, als Ende einer gelungenen Late-Night-Show, als Schnellwaschgang im Waschsalon, wenn die Zeit und das Geld wieder knapp sind.

Eventuell kann ich mein altes Lächeln in die Reinigung tragen und lernen, ohne Fassung zu leben.

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