Sonnenkönig

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Sonnenkönig

von Sebastian Pomm

Was er im Sommer besonders liebte, waren die Sonntagnachmittage.Wenn jeder Zeit hat, und niemand Lust irgendetwas zu tun. In herrlicher Langeweile auf dem Sofa liegen und zuschauen, wie der Staub im Licht der Sonne tanzt.

Wenn die Großen sich nach ihrem Verdauungsspaziergang dann hinlegten um zu schlafen, schwang er sich entschlossen auf sein kleines Fahrrad um allein, als kleiner König der Welt in seinem Reich nach dem Rechten zu sehen. Eine schweigende Welt aus staubigen Fußwegen und flimmernden Straßen, an denen sich große blassbunte 3 bis 4-stöckige Jugendstilhäuser müde aneinander lehnten um nicht im wabernden Asphalt zu versinken.

So strampelte er langsam und schnaufend Berg auf, rasend und jauchzend Berg ab und würdevoll gemächlich gerade aus. Hoch und stolz erhobenen Hauptes an den seltenen, von der Hitze gebeugt gehenden Fußgängern vorbei blickend. Manchmal schnitt er auch Grimassen und streckte ihnen die königliche Zunge raus, würdevoll versteht sich.

Wenn das dröhnen einer Karre ab und zu durch die schlafende Stille schnitt, so musste das rauchende Ungetüm, wenn es das Pech hatte dem König der Welt zu begegnen, so lange mit hängendem Drachenhaupt fauchend und hupend hinter dem Schlängellinien fahrenden Sonntagsaristokraten her schleichen bis dieser sich herabließ die Bahn frei zu geben, oder in einem Anflug von Gnade beschloss, virtuos nur mit einer Hand sein Drahtross führend, den vierrädrigen Lindwurm mit erhabener Gebärde der freien Hand vorbei zu winken.

So wachte er über sein kleines Reich, in dem er jeden Schleichweg, jedes Versteck, jeden Stock und jeden Stein kannte. So wachte er, der König in kurzen Hosen, T-Shirt und Dachmütze.So wachte er über sein Reich der Sonne.

Pflichtbewusst hielt er an Ameisenstraßen, sperrte sein Streitross ab und folgte den schwarz glitzernden Pfaden zu Fuß durch schattige Hinterhöfe, an rissigen Mauern entlang, über Gehsteige, kleine Wiesenflecken und sorgfältig gepflegte Trampelpfade in Schrebergartenhecken, bis zu den versteckten winzigen Städten in denen ihm seine treuesten und kleinsten Untertanen zu huldigen pflegten. Dort verweilte er, ließ sich in voller Größe bestaunen, prüfte mit leuchtenden Augen sorgfältig jedes neue Wachstum im Staat, verteilte ab und zu mit klebrigen Aristokratenhänden geschmolzene Leckereien aus seinen Hosentaschen an das Volk oder pikste gekonnt Stöcke an entscheidenden Stellen in die wuselnden Haufen um die Statik zu verbessern oder faule Untertanen zu strafen.

Dann schwang er sich wieder auf sein Roß, wich glitzernden Glasscherben vor alten Bruchbuden aus, ließ sich schreiend von ärgerlich summenden Wespen jagen, die er bei ihrem trägen Umkreisen der Mülleimer mit Steinschleuderbeschuss gestört hatte. Er übte Staubwolken werfende Vollbremsungen auf dem sorgfältig im Gleichmaß verteilten Schottersand verlassener Bolzplätze bis diese von einem Furchenmuster bedeckt waren, an Gartenzäunen ließ er in rasender Fahrt lachend den Haselnussast der Gerechtigkeit rattern und brachte so die Holzlatten zum singen, durch den großen geometrischen Garagenkomplex fuhr er stolz grinsend und freihändig, und erkundete ehrfürchtig den seit Jahren geschlossenen, kleinen Bahnhof, dessen einziges Gleis unter dem verbrannten Gestrüpp das dort überall wucherte kaum zu sehen war.

In ein dickes, altes Zementrohr, aus dessen tiefen ein ewiges, müffelndes Rinnsal troff, sang er lauthals seine Lieder in einer Sprache, die nur ein König der Sonne und seine Untertanen verstehen konnten und bei jeder Strophe begleitete ihn der Chor der Geister aus der dunklen Tiefe, die aus Ehrfurcht seine Stimme nachahmten und deren Freudentränen das Rinnsal verursachten wenn sie den kleinen König hörten, und deren Tränen der Klage das Rinnsal erhielten wenn der König wegging, weil sie ihn niemals durch das Sonnenlicht begleiten durften.

Ja er war ein strenger König, unser kleiner Monarch doch wusste er, das es so am besten war, für die traurigen Geister.

Zurück auf den sonnenbetäubten Straßen fuhr er mit der klingelnden, klappernden Straßenbahn um die Wette, ließ sie aber, Atemlosigkeit vortäuschend, immer gewinnen, denn weise war er auch, und machte sich die schlechten Verlierer zu Freunden, in dem er selbst verlor.

Und wie stattlich war er, der kleine Kavalier auf seiner Drahtkavallerie, auf dem Ross dem er nur wenig Öl zu trinken gab, das es besser wieherte, so fuhr er, wie zufällig, Ehrenrunden in einem besonderen Hinterhof vor dem besonderen Fenster einer kleinen blonden Prinzessin die er, waren seine Freunde dabei, stets an den Haaren zog oder boshaft mit gefangenen Spinnen und Käfern ärgerte. Bei den einsamen Sonntagsheimsuchungen aber, blickte er nie auf zu den Blumengardinen, selbstverständlich nicht aus Schüchternheit, sondern in dem sicheren Wissen das man ihn sah, hörte und bestaunte, wie er quietschend den Hof machte.

Und edel war sein Herz, gütig und rein, wenn er gefangene Schmetterlinge wieder aus seinen Händen entließ und offenen Mundes ihren unsteten Flug verfolgte oder die hastig strampelnden Mückenlarven geschickt aus Regentonnen rettete, wenn er mit dem Haselnussast der Gerechtigkeit schreiend gegen die Heere wuchernder Brennnesseln anrannte bis seine unbedeckten Beine und Arme schrecklich juckten oder wenn er im kleinen schattigen Wald in einer verzauberten Ecke der Welt von den quakenden Feen, den zwitschernden Elfen und flitzend glitzernden Libellen beobachtet wurde, wie er das nur grade so zu überspringende, reißende Bächlein fleißig mit Dämmen aus Steinen staute, so kunstfertig und für die Ewigkeit errichtet, das die Ägypter sich bei deren Anblick wegen ihrer mickrigen Pyramiden in Grund und Boden geschämt hätten.

So wachte er, der kleine König eines großen Reiches, so prüfte und erhielt er die Ordnung, geschulten Blickes und weisen Entschlusses.

So wachte er über die Welt, der König. So wachte er, bis die heißen, blassen Strahlen der Sonne, golden und spärlich wurden und die schummrig abkühlende Luft sich mit dem starken Aroma der entfachten Grillkohleglut füllte und es nach grünem Salat, roten Tomaten, frisch geschnittenem Brot, abkühlendem Asphalt und kaltem Wasser duftete, bis langsam die Großen erwachten, bis aus den geöffneten Fenstern der Häuserreihen die Stimmen der Fernseher, die nun statt der Straßen flimmerten, laut wurden und bis in den Gärten am Rande der Welt geklappert, geklirrt und geredet wurde und erste Lichter den Mücken zeigten, wo sie hin fliegen mussten.

Dann ritt er, der Kurzehosenmonarch, auf seinem treuen Ross, glücklich und hungrig zurück in seine Burg.

Wo seine Mutter schon im Garten nach ihm rief, wo die Großmutter wegen seiner aufgeschürften Knie erschrak, während der Großvater leise lächelte. Wo er sein Fahrrad zurück in den Schuppen schob, wo er dem Vater beim Grillen störte, die Geschwister ärgerte und alle mit seinen ewigen Fragen nervte.

Um dann als kleiner müder Junge mit vollem Bauch und gutem Gewissen, wie die Sonne hinter dem Horizont, zufrieden in sein weiches Bett zu sinken und von großen Taten, von kleinen Untertanen, feurigen Ungetümen, Erdgeistern, blonden Prinzessinnen und einer stillen, friedlichen Welt, ganz von Licht durchflutet, zu träumen.

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