Erinnere mich

23. November 2010 Kommentare deaktiviert für Erinnere mich

von Sebastian Pomm

Ich bin dem Lebensgeist verfallen,
der Nacht, dem vollen, düfteschwang’ren Sein,
dem Farbenfeuersturm durchtanzter Monde
dem tiefen Todestraum im Sonnenschein

„Der Hippocampus ist der Teil des Gehirns, in dem Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis überführt werden“, sagt die Psychologin zu mir. Ich stelle mein Bier zurück auf die Bar. Wir sitzen nicht auf einem roten Sofa. Im Allgemeinen ziehe ich Barhocker roten Sofas vor. Es gibt eigentlich nicht viele Sitzgelegenheiten denen ich Barhocker nicht vorziehe. Vielleicht abgesehen von dem rosa Klappstuhl in meinem sonst leeren Zimmer, auf den ich mich gelegentlich nackt setze um die Weltherrschaft zu planen.

Ich bestelle ein weiteres Bier. Keine Ahnung, ob es das 4te oder 5te ist. Ich habe auch keine Ahnung, ob die hübsche Frau neben mir wirklich Psychologin ist, aber wenn mir eine hübsche Frau sagt, sie ist Psychologin, oder sonstwas, dann glaube ich das in der Regel. Das macht das Leben sehr viel einfacher. Konnte sie mir ja auf meine Frage nach dem Hippocampus antworten.

„Es wurde nachgewiesen, dass sich im erwachsenen Gehirn im Hippocampus neue Verbindungen zwischen bestehenden Nervenzellen bilden und dass diese Neubildung mit dem Erwerb neuer Gedächtnisinhalte zusammenhängt.“ „Soso“ sage ich zu ihrem Vortrag. Die geistreichste Bemerkung die mir noch einfällt, wenn es schon egal ist ob ich das 4te oder 5te Bier bestelle.

Mein trüber Blick fällt auf die eine Ecke des Raums in der sich die Kinder der Nacht begeistert um eine Karaokemaschine scharen, welche nur 3 Lieder spielt, und keines davon kenne ich richtig. Trotzdem habe ich es vorhin versucht, das Karaokesingen. Ich hoffe mein Hippocampus tut mir den Gefallen und übernimmt die Erinnerung daran nicht in mein Langzeitgedächtnis. Ich hoffe auch, dass das Bier ihm dabei hilft mir diesen Gefallen zu tun.

Um meine Worte von eben zu bekräftigen, sage ich „So, so.“ Die neue Flasche steht mittlerweile vor mir auf der Bar. Einem Impuls folgend, nehme ich sie, stehe auf und verlasse den Laden. Die Nacht umfängt mich mit ihrem schwarz-samtenen Schleier. Ihre frostigen Lippen aus Winterwind streichen mir einen glitzernden Kuss auf die Wange.

…ich stolpere einen Schritt, zwei…

Die Liebe suche ich in lauen Nächten,
wir tanzen wild, wie Motten um das Licht,
ein Kreisel dreht sich, dreht sich, wo die Triebe Netze flechten
und Ruhe – find ich nicht.

…ich tanze einen Schritt, zwei…

Schwesterchen komm tanz mit mir, beide Hände reich ich dir.

Wir drehen uns Brummkreisel, Brummkreisel. Dein schillerndes Lachen über meine unbeholfenen Versuche den coolen Tänzer zu mimen. Deine tiefen, schönen Augen voller Wahrheit, der Duft deines Haares nach Sonnenschein. In dieser Welt aus Schweiß, Zigarettenqualm, Alkohol und tausend bunten Pillen.

Mit den Händchen klipp klipp klapp, mit den Füßchen tipp tipp, tapp.

Deine Hand streift scheu, wie zufällig, die meine. Ich will nach ihr greifen, doch ich bin zu langsam. Du entfernst dich weg von mir, zurück in das Meer auf der Tanzfläche, aus welchem du entstiegen bist um mir den Kopf zu verdrehen. Noch einmal versuche ich, in deine Richtung zu tänzeln, und du bist weg. Stattdessen pralle ich auf einen der drei Kerle. Diese typische Jungsgruppe, welche sich zu dritt auf die Tanzfläche verirrt hat, und arhythmisch zur Musik wackelt, während man möglichst lässig versucht ein Gespräch zu führen.

Die Bar verkauft mir nur ungern noch eine Flasche Turbo-Mate. Ich hätte mir die guten Tipps zum Cocktailmixen wohl sparen sollen. Auch der Vortrag übers Bierzapfen war wohl ein wenig übertrieben. Klugscheißergen. Was soll ich machen? Die Kinder der Nacht bewegen sich mehr oder weniger gut zum Takt der Musik. Man tanzt.

Nach Jahrtausenden der Evolution menschlicher Kultur. Nach der Erfindung der Gruppentänze, der Paartänze, nach dem unsere Kultur den Zenit der Kultiviertheit erreicht hat, finden wir nun endlich, endlich zum einzelnen, planlosen Rumgehüpfe zurück. Trommeln, Lagerfeuer und Schamanen, sind durch Boxen, Stroboskop und DJ ersetzt. Und statt Fellen und Knochenketten, tragen die meisten H&M. Aber sonst passt der Rest. Vielleicht mal abgesehen davon, das manch einer, im Laufe der Evolution den Rhythmus verloren zu haben scheint.

Was soll’s? Ich kann mich als Kind dieser Zeit ständig für meine Brüder und Schwestern schämen, oder versuchen das Beste draus zu machen und wenigstens ein wenig Spaß haben. Sorgfältig darauf bedacht, nicht durch zu großes Taktgefühl unangenehm aufzufallen, wanke ich zurück in die Brandung der Tanzenden, auf der Suche nach meiner Meerjungfrau.

…ich tanze einen Schritt, zwei…

Da ist ein rauschendes Konzert, das mir den Takt gibt,
unerbittlich dirigiert
in den smaragd’nen Zauberschuhen tanz ich,
bis Bacchus die Geduld verliert

…ich gehe einen Schritt, zwei…

Durch dieses goldene Licht im frühen Herbst. Das gibt es sonst nicht. Sonnenstrahlen, gebrochen und reflektiert an gelben, roten und grünen Blättern. So weich und so voller Abschied. Die Luft so still vor den ersten Stürmen des Herbstes. So still, dass sie fast traurig wirkt. Melancholie.

Die Kinder des Tages finden sich wie immer, wenn es so wirkt als könnte man rausgehen, auf der großen Brücke im Park zusammen. Da sitzen sie alle. Wie die Hühner auf der Stange. Früher haben sich die Menschen auf dem Marktplatz getroffen, um ihre Waren feilzubieten. Heute trifft man sich auf der Brücke im Park und bietet die eigene verdammte Coolness feil.

Meine Füße rascheln durch das erste gefallene Laub. Die Kinder des Tages, die Kinder der Nacht. Später treffen sich vielleicht Alle zur Matinee im Richard-Wagner-Hain oder sonstwo. Ein großes Kostümfest mit Elektromusik. Doch jetzt sitzen sie hier. Ich muss an Cafés in Paris denken, wo alle Stühle auf dem Freisitz so ausgerichtet sind, das jeder Gast auf die Straße und die vorbeigehenden Passanten blicken kann. Wie Kino. Promenaden-Theater.

Wo sitze ich auf dieser Brücke? Oder laufe ich vorbei? Sitze ich da und warte darauf, dass jemand kommt, den ich kenne? Das mich jemand abholt? Mein Schicksal?Meine Meerjungfrau? Meine Psychologin? Ich schüttele den Kopf.

…und gehe einen Schritt, zwei…

Doch klingt wenn’s still ist, und ich lausche
Noch eine andre, leise Melodie
Am Tag sanft eingewebt im Traume,
zerspringt beim kleinsten Atemhauch – so zart ist sie
ganz selten hör ich deutlich ihren Klang
wie der des Wassertropfens tief im Brunnenschacht
der Klang der Träne die einst über meine Wange ran
die Melodie des Schnees der fällt in einer Winternacht

…ich stapfe einen Schritt, ich stapfe zwei…

In richtigen Wanderschuhen sollte man nicht laufen, man sollte stapfen. Stapfen macht auch viel mehr Spaß als Laufen, weil es sich so herrlich nach Urgewalt anfühlt. Ich stapfe durch diesen alten Buchenwald, irgendwo weit weg. Wäre da nicht der Pfad in den sich Bauernfuhrwerke im Laufe der Jahrhunderte eingegraben haben, ich könnte mir vorstellen, ich wäre der erste Mensch an diesem stillen Flecken der Erde. Zwei Schmetterlinge tanzen an der Rinde eines Baumes entlang durch die Sonnenflecken, als würden sie ein Spiel spielen, zur Melodie des sommerlichen Windes tanzen, der leise durch die Blätter rauscht. Sonst ist es ganz still. Ich blicke vom Kamm des Hügels, auf dem ich wandere hinab auf das grün dieses Waldes. Stille. Ich halte den Atem an. Ein Moment ist alles, was du von Perfektion erwarten kannst. Wer hat das gleich noch gesagt? Ich seufze und stapfe weiter…

…einen Schritt, zwei…

Und sitze mit dir auf einer Bank. Die Luft ist schon warm, doch liegt noch Schnee im Stadtpark. Die ersten Knospen tupfen die kahlen Bäume mit mildem Grün. Ich blicke in deine Augen und da liegt der Frieden, den ich so lange vergessen wähnte. Der Frieden, die Stille, Vergangenheit, Zukunft.

Erinnerungen. Erinnerst du dich? Erinnere dich! Erinnere mich. Erinner‘ ich mich? Du erinnerst mich. Erinnern? Ich?

Ein Lied das trauernd singt,
von einer längst vergess’nen Welt des Friedens
die voll von Wind ist, der bunte Blätter durch die Wälder weht
und tanzt mit weißem Sand, in großen kalten Wüsten
Ein Lied, das Sehnsucht in mir weckt, nach weißem Licht,
dass Wellen schlägt und Wellen schlägt….

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