Erlösung

24. November 2010 Kommentare deaktiviert für Erlösung

von Lutzi Luise Lu

Der Name des Herrn in Schwarz war niemandem bekannt. Er schlenderte durch die Straßen, durch weite, graue, protzige Gefilde, schaute sich alles sehr genau an und blieb doch nie stehen. Das bedeutete Schlendern. Die Gebäude drohten alles Leben zu verschlucken. Kinderlachen und Blumenblüten waren hier fehl am Platz, sie waren wie ein ungewollter Farbklecks auf dem Bild an der Wand oder ein Streifen Farbe im Schwarzweißfilm. Nie beglückend für das Auge, das Ordnung liebte und Abnormitäten verabscheute.

Der Herr in Schwarz nahm die Umgebung in sich auf, er atmete alles ein, tief in seine Lungen hinein und presste die verbrauchte Luft in mehreren kräftigen Schüben wieder hinaus. Schmeckte alles wie immer? Sein Blick wanderte über Fenster und Fassaden, er richtete sich innerlich auf und streckte sich noch ein paar Zentimeter weiter gen Himmel. Er hatte breite Schultern, die unter seinem schwarzen Mantel besonders gut zur Geltung kamen.

Von seinem Gesicht sah man nicht viel, er trug einen Hut mit breiter Krempe, weit über seine Augen gezogen und ebenso schwarz wie der Rest seiner Kleidung. Der Herr passte auf. Er passte auf, dass alles still und grau und protzig angsteinflößend blieb. Das war seine Aufgabe, seit jeher, und er konnte sich nicht daran erinnern, jemals etwas anderes getan zu haben, jemals etwas anderes gewollt zu haben. Doch heute war etwas verkehrt. Merkwürdigkeiten lagen in der Luft. Da hinten, am Ende der Hauptstraße, blitzte ein Licht auf.

Der Herr beschleunigte seinen Schritt und stolperte mit seinen blankpolierten schwarzen Lackschuhen über ein loses Stück des Kopfsteinpflasters unter seinen Füßen. Beides war noch nie geschehen. Weder pflegte des Nachts ein Licht aufzublitzen noch war der Herr in Schwarz so unkonzentriert, dass er stolperte. Er schüttelte den Kopf, ungeduldig,  und eilte weiter in Richtung des Lichtes. Es war wieder verschwunden. Aber der Ort, wo es hin verschwunden war, der musste zu finden sein.

Der Herr in Schwarz kannte jeden Winkel seiner Stadt, denn er passte auf selbige seit Jahrzehnten auf. Vorbei an leeren, düsteren Seitengassen, vorbei an toten Geschäften und verlassenen Schaufenstern trabte er, mäßigen aber beständigen Schrittes, die Straße entlang. Aus einem der Fenster im Erdgeschoß drang ein Kichern, ein leises glitzerndes Kinderkichern. Die Jalousie bewegte sich und er erspähte eine goldene Locke und zwei dunkle Augen. Kinder? So etwas kannte er nur aus gruseligen Erzählungen. Ein Schauer erfasste ihn und eine Schicht kribbelnder Gänsehaut breitete sich über seinem großen  Körper aus. So wollte er das nicht. Kurz überlegte er, dem Spuk ein Ende zu bereiten und in die Wohnung einzudringen, da leuchtete es wieder auf, einige hundert Meter vor ihm, fast mit dem Horizont verschmolzen. Das Licht war zurückgekehrt.

So etwas verwirrte ihn noch mehr. Nicht nur ein ungewöhnliches Vorkommnis pro Nacht, nein, gleich zwei an der Zahl. Er blieb starr stehen. Das einzige, was sich bewegte, waren seine Gedanken. Er beschloss, dem flackernden Licht nachzujagen, bevor es wieder verschwand. Die Wohnung mit dem grässlichen Kinderkichern konnte schließlich nicht vom Erdboden verschluckt werden, also stellte er diese Aufgabe im Geiste hinten an. Der Herr rannte los und kam nach wenigen Sekunden an seinem Ziel an, dem Ende der Straße.

Die Straße war dort im wahrsten Sinne des Wortes zu Ende, sie hörte einfach auf zu existieren. Er traute sich nicht, einen Schritt weiter zu gehen und hoffte, dass das Licht von allein wieder auftauchen würde. Noch nie hatte er jemanden beobachtet, geschweige denn persönlich gekannt, der nach dem Ende der Straße weiter gegangen war. Er wollte sicherlich nicht der erste Dummkopf sein, der dies ausprobierte. Also schaute er sich weiter um. Minuten verstrichen wie Jahre und der Herr zog sich, einem Windstoß ausweichend, seinen Mantel enger um den Leib. Sein Blick blieb an einer kleinen oval geformten Toreinfahrt hängen und er stürmte auf sie zu.

Dem Herrn war am Ende der Straße nicht wohl zu Mute und so floh er direkt bis in den hinter der Einfahrt liegenden Hof hinein. Hier drehte er sich einmal um sich selbst und sein im Beobachten geschulter Verstand registrierte binnen Sekunden jede Einzelheit der neuen Umgebung und prägte sich jede noch so kleine Unebenheit im Mauerwerk ein.

Gäbe es Farben in der Stadt, dieser Hinterhof wäre trotzdem nur grau-schwarz. Mal blasser, mal kräftiger. Hier flackerte das Licht aus einem Kellerfenster. Der Herr vernahm seltsame Töne, seinen Ohren vollkommen fremde Töne. Sie schwebten durch die Luft, in seinen Gehörgang hinein, bahnten sich unablässig ihren Weg durch seinen Körper und klopften unermüdlich an. In ihm bewegte sich etwas. Nur sehr sachte, es wurde behutsam zum Schwingen gebracht, durch diese Melodie, durch diese Töne in der ansonsten so stillen Nacht. Der Herr schüttelte vehement den Kopf und entkam dadurch dem Zauber. Die Melodie verschwand so schnell und plötzlich, wie sie herangeschlichen war. Seine Konzentration richtete sich auf das Kellerfenster, aus dem das Licht leuchtete.

Und da war es wieder. Natürlich. Sehr deutlich zu vernehmen, ein Kinderlachen. Diesmal war es nicht verspielt und leise, sondern es klang dröhnend, wie von einem ganzen Chor, der das Weihnachtsoratorium schmetterte. Er dachte nach. Seit ewigen Zeiten war nichts  Außergewöhnliches mehr passiert. Alles verlief immer nach Plan. Nur heute Nacht  ging etwas vor sich. Etwas änderte sich. Nein, etwas hatte sich bereits grundlegend verändert, nur er, der Herr in Schwarz, hatte es nicht registriert.

Das war sein Ende. Er fühlte sich fremd und unwohl und begann zum ersten Mal in seinem langen Leben Angst zu spüren. Der Herr in Schwarz schüttelte sich, knöpfte seinen schweren Mantel auf und streifte ihn ab. Mit einem sanften Rauschen landete dieser auf der regennassen Straße. Nun war ihm freier ums Herz, er konnte besser atmen. Es wurde Zeit, dass er diesen Hof verließ. Er drehte sich herum und dann… Der Herr war verschwunden.

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