Felis silvestris

2. Januar 2011 Kommentare deaktiviert für Felis silvestris

von Lutzi Luise Lu

Ich habe eine kleine Denkhilfe. Sie hat vier Beine und ist ziemlich haarig, aber da kann sie nichts für, das ist so, das muss so sein. Oft lässt sie mir ihre Haare als Geschenk da, oder als Erinnerung, damit ich sie nicht vergesse. Egal, wo ich bin. Bestimmt habe ich heute Abend auch etwas von ihr dabei.

Neben den vier Beinen hat sie auch noch einen Schwanz, den braucht sie wohl wegen des Gleichgewichts. Was wohl nicht auf Schwänze im Allgemeinen zutrifft, zumindest hörte ich dergleichen noch nicht. Aber, unter uns gesagt, meine Denkhilfe läuft den ganzen Tag erhobenen Schwanzes durch die Wohnung, was ja wiederum, so oder so, ein untrügerisches Zeichen von Wohlbefinden ist.

Genug der schlüpfrigen Vergleiche. Warum meine Denkhilfe eine Hilfe beim Denken ist, lässt sich leicht erklären. Aber vielleicht verstehen das auch nur Liebhaber des schnurrenden Geschlechts. Meine Denkhilfe drängelt sich immer elegant neben mich auf den großen roten Sessel, wenn ich am Schreibtisch sitze und fleißig Texte tippe. Da sie durch heiseres und immer leicht meckerndes Miauen (alle, die meine Denkhilfe kennen, wissen, was ich meine) sehr gut deutlich machen kann, das sie jetzt wünscht, gestreichelt zu werden, bleibt mir nichts anderes übrig, als einhändig zu tippen, denn die andere Hand muss im Nacken der Denkhilfe schwerste Kraularbeit leisten.

Und dann fängt es endlich an. Der kleine Schnurrapparat wird in Gang gebracht und das leise, melodische Surren und Schnurren strömt in den ansonsten stillen Raum. Dieses kleine Gerät, was meine Denkhilfe qua Geburt mitgeliefert bekommen hat, muss irgendwo zwischen winzigem Kehlkopf und Brustkorb beheimatet sein und ich vermute, dass es durch das Streicheln von Menschenhand immer wieder erst aufgeladen werden muss, bevor es erneut abschnurren kann.

Wie auch immer, in jedem Fall gibt es eigentlich nichts besseres, außer vielleicht ein/zwei Dingen, als ein schnurrendes Wesen auf dem Schoß sitzen zu haben. Mich jedenfalls beruhigt es und gibt mir Kraft zugleich. Und, wie der Name schon sagt, das Denken fällt mir leichter, wenn die Denkhilfe in meiner Nähe ist. Auch das liegt in der Natur der Schnurrer, dass sie so unendlich viel Geduld mit den Grenzen des menschlichen Verstandes haben und stetig behilflich sind, eben solche Grenzen zu verschieben. Das wusste auch schon Cleveland Amors.

Ich bin mir leider nicht so sicher, ob diese Art der Denkhilfe nicht auch in die Kategorie Leistungssteigerung durch illegales Doping fällt und ich somit per Knopfdruck von der Uni exmatrikuliert und vom Autorenensemble exkommuniziert werde. Ist ja alles ganz legal und clean hier… Zumindest hatte ich bisher kein schlechtes Gewissen wegen der geistig-kreativen Unterstützung meines wohlig warmen Schnurrdings, das immer neben mir sitzt, egal, wo ich zu Hause sitze. Oder nachts gern auch mal über mir. Dann quetscht sich die Denkhilfe an den oberen Rand meines Kopfkissens, quer zu meinem Kopf, und lässt ihre Pfoten rechts und links neben meinen Ohren nieder. Und schnurrt natürlich.

Neulich hatte sie ein Intermezzo mit einem Teelicht, was frech und frivol auf meinem Nachttisch vor sich hin leuchtete. Die Denkhilfe war so in Schnurrekstase, dass sie nicht mehr Herr (oder Herrin) über ihre Pfoten war und stieß mit einer dieser samtenen Füßchen gegen die Kerze, worauf die umschwappte und heißes wachs über das linke Vorderbein ergoss. Es stank auch ein bisschen angebrannt, und seit diesem Vorfall hat die Denkhilfe einen kleinen wachsklumpen am Bein kleben, aber da darf ich nicht anfassen. Dann werde ich angemiaut-meckert und sie verlässt den Raum.

Seit ein paar Tagen hat die Denkhilfe einen Begleiter bekommen. Der hat sich noch nicht als Denkhilfe etabliert, ist aber ein kleiner Schlafgeist. Tagsüber sitzt der Schlafgeist unterm Bett und träumt sich eins, vielleicht von Denkhilfen in Bikinis auf Hawaii oder von anderen jungenhaft jugendlichen Dingen, denn wenn ich richtig rechne, ist der Gute grad knapp 20 Jahre alt. Also in Menschenjahren.

Meine zwei Begleiter haben beide so ihre Eigenarten. Der Schlafgeist zum Beispiel findet großes Gefallen an einer meiner Zimmerpflanzen und strullert dort immer fleißig rein. Ich weiß nicht, ob das der Pflanze gefällt, wahrscheinlich nicht. So ist das wohl, wenn man spätpubertierende Männer in seine Wohnung lässt. Ich hätte es besser wissen müssen.

Die kleine Denhilfe ist ein Hungerhaken. Sie ist sehr dünn und auch schon sehr alt und egal wieviel Futter man in sie reinfüttert, es bleibt kein Fett am Körper hängen. Vielleicht ist sie auch deswegen so dünn, weil sie zum Vomitieren neigt. Für die von euch, die keine Roman C.-Insider sind: das bedeutet so viel wie „sich übergeben“. In meiner Wohnung ist ausschließlich Holzfußboden. Ich habe nur im Wohnzimmer einen kleinen bunten Teppich, wegen der Gemütlichkeit und vielleicht auch wegen des Aussehens. Die Denkhilfe könnte nun auf jede x-beliebige Stelle des Holzbodens brechen, aber nein, sie wählt zielsicher den kleinen Vorlegeteppich. Kotzt sich vielleicht besser auf weicher Unterlage.

Da das jetzt alle wissen, sollte ich den Teppich einfach wegschmeißen, denn sonst mag niemand mehr bei mir im Wohnzimmer sitzen… naja… zu spät…

Eine andere Eigenart der Denkhilfen-Seniorin ist das penetrante Wecken zwischen 5 und 7 Uhr morgens. In anderen Kreisen nennt sich das senile Bettflucht, aber dagegen kann man nix machen. Außer vielleicht ein paar Baldrian-Tropfen in den Wassernapf vor dem menschlichen Zubettgehen, denn entgegen der Gewohnheiten der Denkhilfe, pflege ich nicht um 5 Uhr aufzustehen und sie hat mich bisher auch noch nicht davon überzeugen können, dass sie auf der Stelle den Hungertod erleidet, wenn ich ihr nicht SOFORT das Futter auffüllen gehe… Kinder, Kinder…

Aber ich höre jetzt auf. Um nochmal jemand anderen zu Wort kommen zu lassen: „Das Tintenfass wird nie leer, wenn es darum geht über Katzen zu schreiben.“ (Jean-Louis Hue)

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