Goldene Zeiten

11. Januar 2011 Kommentare deaktiviert für Goldene Zeiten

von Sebastian Pomm

Wenn ich gewusst hätte, was passieren würde, wenn ich den kleinen Buchladen betrete, dann hätte ich ihn wahrscheinlich trotzdem betreten, denn ich mag es, wenn mir Dinge passieren, und ich mag es noch mehr, wenn Ich den Dingen passiere, ja, man könnte sagen: ich bin ein Passant. Vor dem Buchladen stand ich, weil ich in der Stadt unterwegs war. Und in der Stadt war ich unterwegs, weil ich noch Zeug für die Uni besorgen musste.

Ja, ich bin Student. Ich studiere Geographie im 7ten Semester. Und nein ich will nicht Lehrer werden. Und nein ich weiß noch nicht genau was ich später mache wenn ich denn schon kein Geographielehrer werden will. Ich will die Welt retten, soviel weiß ich zumindest. Das tue ich ja auch schon Tag für Tag. Und ja, es gibt andere Möglichkeiten. Und nein, ich werde sie jetzt nicht erklären. Und nein, ich habe wirklich keine Lust. Nein.

[Nebenbei, Ich bin froh das es jetzt das 7te ist, und nicht mehr das erste. An der Universität gibt es einen Fachterminus für Studenten des ersten Semesters: Man nennt sie „Erstis“. Die „Erstis“ erkennt man meistens daran, dass sie mit ganz großen Augen über den Campus stolpern, dass sie so verdammt engagiert, so herrlich ambitioniert und doch leicht verwirrt wirken. Die „Erstis“ sind meistens um die 19, 20 Jahre alt und sind ganz sehr stolz, das sie jetzt studieren, sie versuchen möglichst studentisch auszusehen, und sich auch so zu verhalten. Die „Erstis“ haben ihre eigenen Gruppen im Studi-VZ. Etwa „Geographie Erstis WS2010 – Die Welt ist rund“ oder „Erstis-Mädchen Medizin 10 – Der Prof. ist sooo süß“ und so weiter. Die „Erstis“ treffen sich zu Ersti-Partys in der Karli. Die Erstis sind die Elite von morgen. Die Erstis, ein Leben im Diminutiv. Und wenn eine Gruppe Erstis hinter einem Dozenten herläuft, der ihnen zeigt, wo ihr Hörsaal ist, dann grinsen die Studenten der höheren Semester so breit, das ihnen der Kopf nach hinten Klappen würde, wenn ein Windstoß käme. Und ich wüntsche mir Wind, einen großen Wind. Doch nun bin ich ja einer von denen die grinsen…]

Jedenfalls war ich in der Stadt unterwegs, um mir noch dies und das zu kaufen, da stehe ich plötzlich vor diesem kleinen, schon von außen recht verstaubt wirkenden Buchladen in einer Seitengasse. Ich öffne die Tür und gehe hinein und stelle fest, dass ich nicht überrascht bin, denn auch von innen wirkt der Buchladen verstaubt, ja, man könnte sagen er ist es. An der Kasse, und es ist natürlich keine moderne Computergestützte High-Tech-Registrier-Kasse sondern ein altes Blechding mit Hebeln bei dem man sich denkt: ein Lederbeutel hätte es auch getan – an der Kasse sitzt ein altes verhutzeltes Männlein und hat die krumme Nase tief in einem Buch vergraben.

Natürlich hatte ich nicht ernsthaft mit einer jungen, leicht bekleideten Amazone gerechnet, die sich halb offenen Mundes mit Milch übergießt, weil ihr so heiß ist. Doch kann man ja nie wissen. Ich bleibe trotzdem, und hoffe, dass der alte Mann an der Kasse keine Milch mag. Hätte ich einen Hut, so würde ich ihn schwungvoll ziehen, so sage ich nur laut und deutlich „Guten Tag.“, wie meine Frau Mama es mich gelehrt hat. Ein grunzen ist die antwort und so beginne ich zu stöbern. Allerdings muss ich zugeben, dass ich das nicht wirklich kann. Stöbern.

Ich lese gern und viel und es würde wohl gut zum dichter-image passen, wenn ich es lieben würde stundenlang in Bücherläden rumzuhocken und ein Buch nach dem anderen durch zu blättern und dabei latte-macchiato mit Karamelgeschmack zu trinken. Das wäre eine richtig romantische Eigenart. Aber es tut mir leid: Ich kann es einfach nicht. Ich mag nur schwarzen Kaffee ohne Zucker. Und es nervt mich, in eine Bücherei zu gehen ohne zu wissen, was ich will und von wem. Meistens schaue ich nach Büchern, die ich sowieso schon kenne, wahrscheinlich ist die Informationsflut für mich einfach zu groß. Trotzdem versuche ich es immer wieder.

So stehe ich nun also auch hier vor den Regalen und versuche möglichst interessiert und weltmännisch zu wirken. Und weil ich mich von dem Männlein an der Kasse beobachtet fühle, und als kompetenter Buchkenner, als Stöber-Experte, dastehen will, ziehe ich irgendeinen Band aus dem Regal. Noch bevor ich den Titel richtig lesen kann, habe ich eine Hand auf der Schulter:

„Nicht das, es ist verflucht“ Der alte Sack von der Kasse.
„Oh.“ Sage ich, und stelle das Buch schnell wieder ins Regal zurück, denn meine Mitbewohner haben mir verboten, wieder mit einem verfluchten Buch nach hause zu kommen.
„Und das hier?“ Ich zeige auf ein anderes, daneben.
„Das ist auch verflucht. Kähähähä“.
„soso. Alle Bücher verflucht, was?“
„nein, einige sind verdammt“
„und was ist mit dem hier?“ ein buch mit golden schimmerndem Einband.
„neiiiin! Nicht das!“
„und dieses?“ ein rotes Buch
„neeiiiin!“
„und welches ist weniger verflucht?“

Schweigen. Während der alte Sack etwas überrumpelt wirkt denke ich darüber nach, wie er wohl seinen kleinen Laden finanziert, wenn er den Kunden die Bücher so schwachsinnig ausredet. Und warum er sie überhaupt zum Verkauf feilbietet.

„das erste“
„mhm?“
„das mit dem goldenen Einband, es ist weniger verflucht“
„oh. Ja, ja. Gut. Danke.“

Ich nehme also den Schmöker und suche mir eine Ecke im Hinteren Teil des Ladens, damit sich niemand mehr an mich heranschleichen kann und von wo ich den Greis im Auge behalte, ob er nicht doch einen TetraPack Milch auspackt und bei dem Gedanken daran wird mir kurz schlecht. Um mich abzulenken öffne ich das Buch und lese:

Wenn ich an goldene Zeiten denke, dann sehe ich zuerst einen kleinen Jungen mit aufgeschürften Knien, der im Dreck spielt, und den ganzen Tag durch die Gegend stromert und frei ist, so frei von allen bedenken und der die schönste und wahrste aller Einsamkeiten genießt, ohne es zu wissen. Denn nur kleine Kinder sind wirklich einsam, und sie sind glücklich damit. Scheiß Buch, denke ich und blättere ein paar Seiten weiter:

Und ich sehe einen jungen Mann, der, nun kein kleiner Junge mehr, auf der anderen Seite der Welt, in einer warmen Nacht, auf der offenen Ladefläche eines Transporters sitzt der über holprige Wege zwischen Palmen hindurch ins nichts fährt, und der junge Mann schaut in den Sternenhimmel und er sieht den Gürtel des Orion und das Kreuz des Südens lächelt still und glücklich vor sich hin… Naja… wieder Blättere ich weiter

Und so viel mehr sehe ich, wenn ich an goldene Zeiten denke, ich sehe den jungen Mann, wie er, seine Boxershorts auf dem Kopf und ein Handtuch als Cape umgebunden, einen geschnitzten Stock in der Hand, über einen Hügel in den Rumänischen Vorkarpaten rennt und laut singt und dabei über seine eigene Blödheit lachen muss, und wie er später am Lagerfeuer sitzt und trunken von Glück und Palinka immer noch grinsen muss, weil er so herrlich blöd ist. Ich muss auch grinsen und blättere weiter

Wenn ich an Goldene Zeiten denke, dann sehe ich den jungen Studenten und wie stolz er ist, und wie verliebt in das Leben und in sich selbst und wie er eines Tages den verstaubten Bücherladen betritt, und wie sich dort keine junge, gut aussehende Amazone räkelt und wie er dieses seltsame Buch findet. Oh wie mysteriös, da findet also einer ein buch in einem bücherladen… ich blättere ins letzte drittel des Buches:

Was kann man nicht alles sehen, wenn man an goldene Zeiten denkt, und was gibt es nicht zu erzählen. Wir Erinnern uns gerne an die schönen Dinge und blenden dabei die weniger schönen aus. Wir sind Sammler, wir sammeln Erinnerungen, jeden Tag tun wir das was wir tun, um uns daran erinnern zu können, und jede neue Erfahrung verändert den Blick auf die alten.

Und wir lagern unsere Erinnerungen ein, als wären sie ein ganz besonderer Wein, und sind ein paar Jahre vergangen, dann holen wir den Wein aus dem Keller, und nehmen einen Schluck und wenn er uns schmeckt, der edle Wein, dann streuen wir goldstaub hinein, das die Erinnerung ewig in goldenem Licht scheint, und so sammeln wir unser Leben lang, und wenn wir alt sind und die Welt an schärfe verliert, das Leben uns überholt hat, dann gehen wir in den Weinkeller und trinken eine Flasche nach der anderen Leer. Und eigentlich klingt das ziemlich schön. Und eigentlich wäre es toll, wenn man die ganze Welt mit diesem glitzernden Goldstaub bestäuben könnte…

und eigentlich… blabla, und eigentlich geht es doch nur darum, dass wir als alte Säcke unsere Enkel und Urenkel mit Geschichten nerven können, die lange her sind, und die keiner mehr hören will, denke ich, Und ich weiß, meine Enkel werden aus Höflichkeit Interesse vortäuschen und ich werde es mit hämischer Freude genießen. Und ich blättere auf die letzte Seite:

Wenn ich an goldene Zeiten denke, dann sehe ich den ausgelernten Studenten, wie er keinen Job findet, nicht die Welt rettet, und deshalb seinen kleinen Bücherladen eröffnet und sich für verdammt lustig hält und den Leuten, quasi als Verkaufsgag erzählt, das die Bücher verflucht sind und dabei seine Stimme verstellt. Und wie der nun stolze Bücherladenbesitzer immer älter und weniger stolz und komischer wird, und bald stets einen Tetrapack Milch bereit hält um sich damit zu übergießen. Man weiß ja nie.

Und ich sehe, wie eines Tages dieser junge, so verdammt gutaussehende Student in meinen Bücherladen kommt und laut „Guten Tag“ sagt, wie seine Mutter es ihn gelehrt hat, und ich …

Erschrocken klappe ich das Buch zu. Die Sekunden strecken sich, wie in diesem Film, Matrix. Ich wirbele zeitlupe herum: Der alte steht an der Kasse, in der Hand einen geöffneten Tetrapack Milch, und er hebt ihn über den Kopf und langsam neigt sich seine Hand und ich sehe schon den ersten Tropfen. Wie er so weiß und wunderschön, als wäre es der allerallerste Tropfen, wie er so perfekt in schimmernder Harmonie seinen langsamen weg nach unten antritt.

„neeeeiiiiiiinnnnnnn“ rufe ich in Zeitlupe und werfe das goldene Buch, im Flug hinterlässt es so kreisförmige Schallwellen, während ich zur Tür hechte, sie aufreiße, keinen Blick nach hinten werfe aus dem Laden springe, mich abrolle, aufstehe, und heimgehe, als wäre nichts gewesen. Hinter mir explodiert das Schaufenster. Und das Feuer färbt den Sonnenuntergang rot. ich blicke mich nicht um.

Als ich auf meinen Bus warte, spiele ich mit dem Gedanken, vielleicht einst selbst mal einen Bücherladen zu eröffnen, weil angeblich finden ja so viele Studenten keinen Job, und ich habe Durst, auf Milch…

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