Wort und Totschlag

14. Februar 2011 Kommentare deaktiviert für Wort und Totschlag

von Max Bohème

Ich möchte vom Leben erzählen. Vom Alltäglichen. Vom Durchschnittlichen. Vom Selbstverständlichen. Von pausenlos vollzogenem Vollzug. Von Versuchen. Von knapp gescheiterten Ausbrüchen. Von bis zur Unkenntlichkeit entstellten Masken. Von tiefen Schrammen. Von fauligem Fleisch. An jeder Stelle eitern modrige Brocken verdorbener Vergangenheiten aus uns heraus und in uns hinein. Doch immerhin haben wir einander. Immerhin sind wir beisammen. Immerhin eitert es noch.

Nichts ist begehrenswerter, als die unschuldige und wilde Schönheit der Jugend. Ohne Besitz. Ohne Anspruch. Und ohne Schuld. Nur ein wenig nackte Haut. Nur ein paar gespreizte Beine. Nur das einfache, billige Leben.

Und nichts könnte ekelhafter sein, als sich an ein Dasein zu klammern, das als bloße Reduktion auf wesenhaften Triebe gilt. Ganz zu schweigen von den vielen Gebrechen, Defekten und übrigen Beschädigungen. Ganz zu schweigen auch vom Zynismus, jene Makel ‚würdevoll‘ oder gar ’schön‘ zu nennen. Alt, verbraucht und obsolet. Vulgäre und plakative Zuschaustellung kollektiven Verfalls. Personifizierte Anachronismen. Niedergang. Hässlichkeit. Missverhältnisse in der Gesamterscheinung: Entstellung. Unförmigkeit. Missbildung.

Gemeinsames Alt-Werden. Gemeinsame Schwächen. Vorgetäuschte Vertrautheit. Wir sind nicht die Lieben der anderen. Ekelerregende Illusion von Intimität. Wir sind bloß die kleineren Übel. Widerlich aufgeladene Zeitdehnung. Leben und sterben in stetigem Wechsel, ohne auch nur je einen Unterschied zu bemerken. Tag und Nacht werden einander immer ähnlicher. Wochen und Monate werden zu fremdartigen Gebilden. Jahreszeiten verlieren ihre Entsprechung.

Nicht-Allein-Sein scheint sich auf Dauer nicht bewährt zu haben. Vielleicht ist Nicht-Leben doch die passendere Alternative. Ich fordere deshalb ein Einschreiten. Beendet das obszöne Schweigen banaler Übersättigung! Beseitigt die Bestätigung menschlicher Ohnmacht! Freut euch über die Schreie! Genießt den neuerlichen Vollzug! Wie werden uns über die Schreie freuen. Wir werden den neuerlichen Vollzug genießen. Er wird uns einen regelrechten Spaß bereiten. Meine Schläge bedeuten dir meine Liebe. Die Apotheose physischer Gewalt gebiert den wahren Übermenschen. Wie lange haben wir gewartet?

Man muss schon höllisch aufpassen, nicht zu alt zu werden. Verlockendes Wunder der Wiederholung. Einbildung der Endlosigkeit. Wahn der Serialität. Doch der Inhalt verliert zusehends seine Bedeutung. Das Missverhältnis zwischen den Dingen tritt unverhohlen zu Tage: Die Form siegt über die Fülle. Begriffe entleeren sich auf das Grab der Bedeutung. Die Notwendigkeit unserer Taten befreit uns von unserer Schuld. Wir haben die Zeit besiegt. Wir haben uns ihrer Opfer entledigt.

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