Nimmermehr gesehen

22. Februar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Lutzi Luise Lu

Und so gingen sie dahin, nahmen sich an den Händen und drehten sich nicht mehr um. Nie mehr. Sie dachten, sie wären Bruder und Schwester, oder sie wünschten sich es, aber genau sagen konnte dies niemand. Sie gingen geradeaus in das Nichts hinein. Das Nichts ist die Abwesenheit von Allem. Wenn sie ganz still waren, dann konnten sie das Nichts hören, es schmecken, es riechen. Es war wie zwischen den Zeilen lesen. Eigentlich ist da nichts, aber in der Fantasie wird es lebendig und fängt an zu atmen. Bruder und Schwester hatten Angst, sie verließen ihre Heimat und wussten nicht, was das Leben für sie noch bereit halten sollte. Sie hatten in ihrem kurzen Kinderleben schon ausreichend erlebt, um genug zu haben vom ständigen rhythmischen Wechsel von Tag und Nacht, vom Tod und von Wiedergeburt, vom Kreislauf des Lebens. Ein Blick in ihre Augen ließ erschauern, da war so viel Tiefe und Abgrund, wie man es sonst nur im Gesicht alter und verbitterter Menschen zu erblicken vermag. Nun war es dunkel geworden und die Schwester nahm ihren kleinen Bruder fester an der Hand und zog ihn ein Stück näher zu sich heran. Er zitterte, aber dann straffte er sich innerlich und schritt weiter tapfer voran. Sie hatten nicht vor, stehen zu bleiben, zu ruhen um essen und trinken zu können, bis sie nicht vor Erschöpfung von allein umkippten.

Ihr Heimatdorf war vom erneut ausbrechenden Bürgerkrieg verwüstet worden. Die Bewohner ihres Landes waren wütend, ihre Gedanken waren vom Zorn vergiftet und ihr Wille von Opiaten gebrochen. Es scherte sie nicht mehr, ob sie ihren Feind oder ihren Freund umbrachten, es war ihnen egal, ob sie durch ihre Angriffe auf die Schergen des Präsidenten mehr Opfer in den eigenen Reihen hervorbrachten, als es den Unterdrückern schadete.

Mit dem Zusammenbrechen des letztens Hauses in ihrem Dorf waren Bruder und Schwester ohne ein weiteres, kräftezehrendes Wort zu wechseln in die Verlassenheit der Welt hinaus gewandert. Der Bruder musste seine Holzfiguren zurück lassen, die er mit seinem Vater geschnitzt hatte und die Schwester rieb sich während der ersten Stunden ihres Weges immer wieder mit dem linken Handrücken über den Oberschenkel, da, wo Brandnarben von ausgedrückten Zigaretten ihre Haut entstellt hatten. Mit dem Verlassen des Dorfes löschten sie ihre Erinnerungen an all die vergangenen Ereignisse, die bis vor wenigen Monaten stets eine gesunde Mischung aus Sorge und Freude waren. Ihre Heimat war verschwunden, das Dorf  brannte, die Straßen waren leer, und alles, was es zu entdecken gab, war ein Nichts.

Mit ihren Erinnerungen löschten sie auch ihre Gefühle, denn so viel wussten sie, dass Gefühle in einer solchen Welt kein weiser Ratgeber und schützender Begleiter waren. Sie hatten sich gegenseitig, der kleine Bruder hatte die große Schwester und die große Schwester hatte den kleinen Bruder. Neben den Kleidern an ihrem Leib war das alles, was ihnen blieb.

Welch schmerzhaftes Erlebnis das Verschwinden eines Ortes war, wussten die beiden nun. Sie hätten allzu gern darauf verzichtet. Ihre müden Körper bewegten sich automatisch vorwärts, der letzte Schluck Wasser war getrunken, die Kekse waren seit Tagen aufgegessen und geruht hatten sie immer noch nicht. Doch es gab ein Ziel. Die Schwester hatte es in der Schule kennengelernt, die Lehrerin hatte es ihren Kindern auf einem Foto gezeigt. Ein Ziel, das ein Traum bleiben würde, für so viele Menschenseelen und trotzdem war das Foto begeistert betrachtet und befühlt worden, als es durch die Sitzbankreihen des kleinen Klassenraumes gereicht wurde. Die große Stadt, hatte die Schwester es raunen hören und ihre Sitznachbarin begann verhalten zu kichern, als sie auf das Abbild blickte.

Er kam zu einer Unzeit und zog beide Kinder in das manifestierte Nichts, in das Universum, in das Nirwana, in den Himmel, in die Hölle. Er jagte sie erst ein paar Stunden und trieb ihre klopfenden Herzen unbarmherzig vor sich her. Er, der Tod, kam immer zu einer Unzeit. Schließlich sanken Bruder und Schwester zu Boden, nicht theatralisch mit lautem Geseufze, sondern still und wie in einem Stummfilm lautlos grotesk.

Wenn man einen Ort auslöscht, löscht man Menschenleben aus. Ein verschwundener Ort nimmt Leben mit sich, frisst Atmen und Blut auf, erstickt Lachen und skalpiert Liebe.

Wenige Tage nach dem das letzte Haus in sich zusammen fiel, verschwanden auch Bruder und Schwester und waren nimmermehr gesehen.

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