Poetisches

7. April 2011 Kommentare deaktiviert für Poetisches

Von Lutzi Luise Lu

Das Leben

Was ist das?

Gekommen aus dramatischen Untiefen

Aufgestellt, mit Sonne im Rücken

Und freiem Blick auf den Horizont

Unendlichkeit einatmen bis zur Hälfte

Und dann-

Und dann Endlichkeit ausatmen bis zum Schluss.

Morgen darf es vorbei sein.

Auf einem rosaroten Drahtseil balancieren

Und selber ein Akt sein.

Sich in-szen-ieren!

Rauh und grobkörnig jeden Tag die Augen öffnen

Oder

Pudrig-sanft auf den Boden stampfen

Darauf Acht geben, dass noch alles sitzt,

dass deine Blöße bedeckt bleibt,

nur

um sie zu entdecken

und nackt und strahlend in der Mitte des Raumes zu tanzen!

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Gewerbeunzucht

7. April 2011 Kommentare deaktiviert für Gewerbeunzucht

Von Lutzi Luise Lu

Als ich ein kleines Mädchen war, musste ich immer an Frauen denken, die auf einer Linie hin und her balancierten, wenn ich den Ausdruck  „Straßenstrich“ hörte. Ich wusste natürlich nicht ganz genau, was das sein sollte, konnte mir aber vorstellen, dass es irgendwas ekliges mit „Küssen und so“ war und fragte deswegen bei meinen Eltern nicht weiter nach.

Als dann wenig später der Ausdruck „Bordsteinschwalbe“ in meinen Wortschatz eintrat, war ich mir ziemlich sicher, dass diese Frauen nicht nur auf einem Strich balancierten, sondern auch wagemutig an der Kante des Bordsteins standen und schwankend versuchten, ihr Gleichgewicht zu halten.

Noch ein paar Jahre später, abends in meiner Heimatstadt, jung und betrunken, spazierte ich mit ein paar Freunden durchs (für uns damals legendäre) Rotlichtviertel. Das Viertel war weniger ein Viertel als vielmehr eine gut abgeschottete und schnöde Straße, am Kopf- und Fußende mit Eisentoren verschlossen, die mit Warnschildern versehen waren. Eintritt nur ab 18 und auf eigene Gefahr. Oder so ähnlich.

Ich war damals ein bisschen aufgeregt, denn man hörte ja so mancherlei über die „Bruchstraße“, so der offizielle Name. Das z.B., wenn ich als junges Mädchen dort allein hindurch spazierte, ich mit Tomaten und Eiern beworfen werden würde. So war zumindest die einhellige Meinung meiner männlichen, ebenso pubertären, Freunde, und so legte einer ungeschickt seine Arme um mich herum, damit es auch schön echt nach verliebten Pärchen aussah. Bescheuerte Idee, aber genau das waren wir damals, bescheuert.

Heute denke ich, dass sich die Jungs damals nur nicht nehmen lassen wollten, mich offiziell betatschen zu dürfen, aber das ist nun auch nur so dahin gesagt. Der Gang durch die links und rechts von Puffs, Freudenhäusern, Kneipen und Salons geschmückten Straße war eher unspektakulär. Ja, es gab Frauen die mit Plüschkrempel bekleidet im Schaufenster auf ihre Freier warteten, aber wir konnten unseren voyeuristischen Durst nicht stillen und Zeuge von Live-Sex werden noch holten sich betrunkene geile Männer an die Hauswand gelehnt einen runter. Schade. Nach ein paar Minuten kamen wir auf der anderen Seite wieder heraus. Ich unversehrt und ohne Tomatenflecke versuchte mich sogleich aus der Affenumklammerung meiner Kumpels zu lösen und so landeten wir doch nur wieder im Park und tranken Bier.

Ungefähr zu dieser Zeit musste mir auch das Lied der Spider Murphy Gang zu Ohren gekommen sein. „Skandal im Sperrbezirk“. Ihr wisst schon: In München steht ein Hofbräuhaus, doch Freudenhäuser müssen raus, damit in dieser schönen Stadt, das Laster keine Chance hat.

[Doch jeder ist gut informiert, weil Rosi täglich inseriert; und wenn Dich deine Frau nicht liebt, wie gut das es die Rosi gibt. Und draußen vor der großen Stadt, stehen die Nutten sich die Füße platt. Skandal im Sperrbezirk, Skandal im Sperrbezirk, Skandaaaaal! Skandal um Rosi!]

Wahrscheinlich lief dieses Lied auf den damals zahlreichen und unsäglichen Familienfeiern, aber zumindest brachte es mich zum Nachdenken. Denn die Strophe: Und draußen vor der großen Stadt, stehen die Nutten sich die Füße platt!, erregte mein Mitleid. Scheint ein hartes Pflaster zu sein, das älteste Gewerbe der Welt.

Zwei Jahre nach meinem Gang durch das Rotlichtviertel hatte ich meinen ersten Freund, und der lebte in Hamburg. Auch dort musste ich selbstverständlich meine Prostitutionsneugier stillen und da man auf der Reeperbahn nicht nur Olivia Jones trifft, zahlreiche Kneipen und Bordelle, sondern auch hervorragende Techno-Parties, hatte ich genügend Anlässe, meine Rechercheambitionen in Sachen „Bordsteinschwalbe“ zu  vertiefen.

Da standen sie, mit kleinen Bauchtaschen und ledernden  Schiebermützen und ich kam mir immer so unglaublich brav und bieder vor, wenn ich an ihnen vorüberschritt um im nächsten McDonalds aufs Klo zu gehen.

Wiederum mehrere Jahre und etliche Umzüge später fand ich mich in Leipzig wieder. Auch hier ist das älteste Gewerbe der Welt ansässig und auch hier gibt es einen Straßenstrich. Der befindet sich westlich vom Hauptbahnhof und der Name der Straße wird hier aus Datenschutzgründen nicht genannt, denn wie es das Leben so will, wohne ich genau in dieser Straße, vis-a-vis der Ecke, wo die Nutten sich die Füße platt stehen. Leider ist dieser Anblick ziemlich erbärmlich und trostlos, denn man sieht den relativ jungen Frauen ihr hartes Leben an,  ihre Gesichter sind grau, die Ringe unter den Augen dunkel und die Männer, in deren Autos sie steigen mehr als widerwärtig.

Trotz aller brachialer Realität oder gerade wegen ihr, hat meine Faszination des Phänomens Prostitution nicht abgenommen.

Da zeigt sie sich wieder, die Medaille mit ihren zwei Seiten…

 

 

 

Havana Club

7. April 2011 Kommentare deaktiviert für Havana Club

Von Lutzi Luise Lu

Ich habe Ernst letzte Nacht getötet. Ihn einfach ausradiert und weggestrichen. Zu aller erst war es kompliziert und ermüdend und ich befürchtete einen zähen Todeskampf, in dem ich zu hinterlistigen Taten und zwielichtigen Mitteln greifen müsste. Dann ging es aber zu meiner großen Überraschung ganz leicht, innerhalb weniger Augenblicke hatte ich ihn niedergerungen und probierte verschiedene Siegerposen aus, bis ich mich für meinen Fuß auf seiner Brust entschied. Und mich im Blitzlichtgewitter badete.

„Da liegt er! Leblos, platt, mit geschlossenen Augen“, riefen die Leute und zeigten halb verwundert, halb begeistert mit dem Finger auf mich und Ernst. Adrenalin und Endorphine teilten sich meine Blutbahn und rauschten durch meinen Körper, meine Augen mussten vor Übereifer und Stolz funkelnd geglänzt haben. Ich sog an dem schwarzen Strohhalm meines völlig überteuerten Cuba Libre und fühlte mich sehr frei. Ich rauchte viel zu viele Zigaretten  – Liberté toujours-  und ließ mich vom Takt der wummernden Bässe dazu hinreißen, laut „Jawoll!“ zu schreien.

Da lag er unter mit, klein und gekrümmt. Sein Körper war noch warm. Aber nicht mehr lange, dann würde alle Energie aus ihm heraus geflossen sein, heraus aus dem Ernst des Lebens und er würde sein Zepter weiterreichen müssen. Und die Menschheit hätte keine Ausrede mehr, warum sie so massenhaft zur Depression neigt, die Welt wäre nach Ernst´s Verschwinden ein besserer Ort, denn ich habe letzte Nacht den Ernst des Lebens getötet!

Quid pro quo

22. Februar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Lutzi Luise Lu

Hier links siehst du den weißen Fleck in Farbe. Hier links, dass ist ein Land für Schweine. Verschwunden, verschluckt. Ich zeig es dir.

Ja, bleib lieber im Bus sitzen, nicht das sie doch noch angrunzen oder dich mit in den Dreck ziehen.

Fotografieren ist in Ordnung, aber ohne Blitz, du weißt ja, das regt sie nur auf, die Schweine.

Sie sind sehr zurückhaltend, fast panisch, wenn sich Fremde nähern oder wenn jemand die Borsten anders frisiert hat, außerdem legen sie großen Wert auf ihre Vorfahren und auf deren Leben.

Ich glaube, sie nennen das Kultur.

Ja, zum Lachen, ich weiß, wenn man sie so sieht, die lieben Kleinen. Aber die Welt lässt sie in dem Glauben, dass sie ganz großartige Dichter und Denker sind.

Vorwärts immer, rückwärts nimmer, so wars doch, nicht wahr?

Fütter sie lieber nicht! Die Schweine versuchen, ihre Essgewohnheiten möglichst rein zu halten. Jaja, mit der Reinheit, da hatten sie schon immer so ihre Probleme, oder ihre ganz eigenen Vorstellungen.

Heute denken sie wirklich, der Rest der Welt hätte ihnen verziehen und das damals nicht alles schlecht war. Erst Nürnberg und dann kam Konrad, der Gute, und außerdem hatte man ja keine Zeit, sich um so lästige Details zu kümmern.

Selbst ihr Plan der Stadtguerilla ist gescheitert. Die sind so verdammt konservativ, diese Schweinemassen, diese Massenschweine.

Das ist schon ein wundersames Land. Ein Riesenspaß, wenn man so aus dem Fenster schaut…ach, warte! Wie gut, dass wir hier lang fahren.

Da vorne steht ein Zaun. Mit einem Kontrollschwein. In Unterhemd, mit Fettfleck, das ist ihre Uniform. Manche nennen das Bürgerwehr. Gegen Fremdlinge. Soll gut sein, sagen sie und verteilen sich gegenseitig kleine Wimpel beim Frühschoppen.

Wie bitte? Du möchtest auch mal die Ferkel sehen? Da gibt es verschiedene Gruppen von Ferkeln, die sogenannten  Freundeskreise. Verrückt sind die. Fast so schlimm wie ihre Großeltern. Ja, da werden Neuankömmlinge erst einmal gar nicht willkommen geheißen oder nur sehr zögerlich. Man ist ja schon so eingeschworen. Da kann man nichts machen. Ein Schwein ist ein Schwein ist ein Schwein.

Und schau mal, da! Mach schnell ein Foto. Ein Yuppie-Schwein, auf dem Weg zur Bank. Aber Yuppie sagt man nicht mehr. Ist veralteter Slang.

Die Neoliberalen sitzen in der Regierung, hier, im Schweineland. Aber da ja sowieso nur selten gelacht wird, fällt gar nicht auf, dass es jetzt noch weniger zu lachen gibt.

Aber, falls du doch mal in ein Gespräch mit einem der Schweine verwickelt wirst, pass gut auf. Die tun alle sehr politisch korrekt.

Und wenn sie es nicht tun, dann nur, weil sie politische Korrektheit für überholt halten und alles ganz anders sehen wollen und sich mit tausend Theorien vollstopfen, in ihren Universitäten.

Die Schweinchen haben doch tatsächlich ein Bildungsideal. Aber wie das mit Idealzuständen so ist, bleiben immer unerreicht.

Jaja, mein Freund, ich sage dir: Wait! We can´t stop here, this is pig country! Lass uns von diesem Ort verschwinden.

Nimmermehr gesehen

22. Februar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Lutzi Luise Lu

Und so gingen sie dahin, nahmen sich an den Händen und drehten sich nicht mehr um. Nie mehr. Sie dachten, sie wären Bruder und Schwester, oder sie wünschten sich es, aber genau sagen konnte dies niemand. Sie gingen geradeaus in das Nichts hinein. Das Nichts ist die Abwesenheit von Allem. Wenn sie ganz still waren, dann konnten sie das Nichts hören, es schmecken, es riechen. Es war wie zwischen den Zeilen lesen. Eigentlich ist da nichts, aber in der Fantasie wird es lebendig und fängt an zu atmen. Bruder und Schwester hatten Angst, sie verließen ihre Heimat und wussten nicht, was das Leben für sie noch bereit halten sollte. Sie hatten in ihrem kurzen Kinderleben schon ausreichend erlebt, um genug zu haben vom ständigen rhythmischen Wechsel von Tag und Nacht, vom Tod und von Wiedergeburt, vom Kreislauf des Lebens. Ein Blick in ihre Augen ließ erschauern, da war so viel Tiefe und Abgrund, wie man es sonst nur im Gesicht alter und verbitterter Menschen zu erblicken vermag. Nun war es dunkel geworden und die Schwester nahm ihren kleinen Bruder fester an der Hand und zog ihn ein Stück näher zu sich heran. Er zitterte, aber dann straffte er sich innerlich und schritt weiter tapfer voran. Sie hatten nicht vor, stehen zu bleiben, zu ruhen um essen und trinken zu können, bis sie nicht vor Erschöpfung von allein umkippten.

Ihr Heimatdorf war vom erneut ausbrechenden Bürgerkrieg verwüstet worden. Die Bewohner ihres Landes waren wütend, ihre Gedanken waren vom Zorn vergiftet und ihr Wille von Opiaten gebrochen. Es scherte sie nicht mehr, ob sie ihren Feind oder ihren Freund umbrachten, es war ihnen egal, ob sie durch ihre Angriffe auf die Schergen des Präsidenten mehr Opfer in den eigenen Reihen hervorbrachten, als es den Unterdrückern schadete.

Mit dem Zusammenbrechen des letztens Hauses in ihrem Dorf waren Bruder und Schwester ohne ein weiteres, kräftezehrendes Wort zu wechseln in die Verlassenheit der Welt hinaus gewandert. Der Bruder musste seine Holzfiguren zurück lassen, die er mit seinem Vater geschnitzt hatte und die Schwester rieb sich während der ersten Stunden ihres Weges immer wieder mit dem linken Handrücken über den Oberschenkel, da, wo Brandnarben von ausgedrückten Zigaretten ihre Haut entstellt hatten. Mit dem Verlassen des Dorfes löschten sie ihre Erinnerungen an all die vergangenen Ereignisse, die bis vor wenigen Monaten stets eine gesunde Mischung aus Sorge und Freude waren. Ihre Heimat war verschwunden, das Dorf  brannte, die Straßen waren leer, und alles, was es zu entdecken gab, war ein Nichts.

Mit ihren Erinnerungen löschten sie auch ihre Gefühle, denn so viel wussten sie, dass Gefühle in einer solchen Welt kein weiser Ratgeber und schützender Begleiter waren. Sie hatten sich gegenseitig, der kleine Bruder hatte die große Schwester und die große Schwester hatte den kleinen Bruder. Neben den Kleidern an ihrem Leib war das alles, was ihnen blieb.

Welch schmerzhaftes Erlebnis das Verschwinden eines Ortes war, wussten die beiden nun. Sie hätten allzu gern darauf verzichtet. Ihre müden Körper bewegten sich automatisch vorwärts, der letzte Schluck Wasser war getrunken, die Kekse waren seit Tagen aufgegessen und geruht hatten sie immer noch nicht. Doch es gab ein Ziel. Die Schwester hatte es in der Schule kennengelernt, die Lehrerin hatte es ihren Kindern auf einem Foto gezeigt. Ein Ziel, das ein Traum bleiben würde, für so viele Menschenseelen und trotzdem war das Foto begeistert betrachtet und befühlt worden, als es durch die Sitzbankreihen des kleinen Klassenraumes gereicht wurde. Die große Stadt, hatte die Schwester es raunen hören und ihre Sitznachbarin begann verhalten zu kichern, als sie auf das Abbild blickte.

Er kam zu einer Unzeit und zog beide Kinder in das manifestierte Nichts, in das Universum, in das Nirwana, in den Himmel, in die Hölle. Er jagte sie erst ein paar Stunden und trieb ihre klopfenden Herzen unbarmherzig vor sich her. Er, der Tod, kam immer zu einer Unzeit. Schließlich sanken Bruder und Schwester zu Boden, nicht theatralisch mit lautem Geseufze, sondern still und wie in einem Stummfilm lautlos grotesk.

Wenn man einen Ort auslöscht, löscht man Menschenleben aus. Ein verschwundener Ort nimmt Leben mit sich, frisst Atmen und Blut auf, erstickt Lachen und skalpiert Liebe.

Wenige Tage nach dem das letzte Haus in sich zusammen fiel, verschwanden auch Bruder und Schwester und waren nimmermehr gesehen.

X ?!

13. Januar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Von Lutzi Luise Lu
Das alles verstopft mein Innerstes, es blockiert meine Gedanken und pfropft sich vor meine Kreativität wie ein Korken. Meine Wut kommt und geht in Intervallen. Wie die Gezeiten, nur dass die Wut nicht als Flut, sondern als Sturmflut kommt. Sie bricht sich Bahn in diesem Text und kämpft mich wieder frei. Wenn ich nicht schon so oft übers Kotzen geschrieben hätte, ich würde es hier glatt nochmal tun.

Manche Menschen stehen einem so dermaßen im Weg, hängen sich wie Kanonenkugeln an die eh schon überstrapazierten schweren Glieder und lachen dabei hämisch. Selten, aber manchmal, aber meistens ist man es leider selbst. In allen übrigen Fällen handelt es sich um Ex-Beziehungen. Hier geht es um die schlimmste, fieseste, zeckigste und borstigste Form der Ex-Wortkonstellationen, um die Ex-Liebe.
Jaja, nicht alle und jeder und einige sind ja noch ganz toll miteinander befreundet; aber mal ehrlich, wer will denn schon wissen, mit wem der oder die Ex nun Leibesertüchtigung praktiziert? Ich nicht!

Die meisten Städte, in denen ich gewohnt habe, waren zum Glück groß genug, um sich gebührend und ausreichend lang großzügig aus dem Weg zu gehen. Nicht, weil man sich so hassen würde, oder weil ich so hassen könnte. Nein! Ich sehe das nur ganz medizinisch. Ein chirurgisch korrekter und gerader Schnitt verheilt besser, als eine stümperhaft selbst genähte Naht, die man heimlich immer wieder aufkratzt.

Überhaupt nicht amüsant und Nähte aufkratzend sind krampfhafte Nachmittagstreffen in Cafés, die so heißen wie man selbst. Die Ex-Verliebten schauen sich in die ex-schönen Augen und versichern sich gegenseitig nach guter alter Politikermanier und unglaublich unglaubhaft, dass es einem super geht. „Scheiß die Wand an, was scheint mir die Sonne aus dem Arsch“, möchte ich da immer schreien, aber das verbietet mir mein mädchenhaft reinsozialisierter Anstand. „Gut, gut!“, antworte ich stattdessen und mein Gegenüber überschlägt sich fast in der Bemühung, sofort von seinem neuen Monats-Netto-Einkommen zu berichten. Herrjemine, was soll ich da bloß denken, geschweige denn sagen? „Oh, wie schön! Ich freue mich! Ich freue mich wirklich! Und wie ich mich freue!“ Oder vielleicht: „ Jetzt biste endlich ´ne gute Partie, hätte ich das früher gewusst…!“

Eine weitere vollkommen überflüssige und kreativitätsverstopfende Information ist die, dass der Andere jetzt „jemanden kennengelernt hat“. Achja? Wen denn? Den Weihnachtsmann? Den neuen Nachbarn? Oder alle beide? Mensch!
Wenn ich genügend Ironie besäße, würde ich in diesem Fall Antwortmöglichkeit A von vorhin wählen, mit kleiner Variation am Ende: „Oh, wie schön! Ich freue mich! Ich freue mich wirklich! Man, watt ich mich freue! Hätten wir hier ein Freudebarometer stehen, das würde bis zum Anschlag leuchten und schon anfangen zu dampfen, so freue ich mich!“
Das kann man sagen, muss man aber nicht. Sei jedem selbst überlassen. Hauptsache, es wird deutlich, dass man auf weiteren Kontakt und Warmgetränke-Einladungen keinen Wert mehr legt. Nie mehr, am besten, oder frühestens in zehn Jahren.

Der Abgrund

2. Januar 2011 Kommentare deaktiviert für Der Abgrund

von Lutzi Luise Lu

Vor mir winterliche, weiße Weiten,
neben mir, hinter mir.
Kälte klopft überall an und schleicht sich,
durch die wehrlosen Fußsohlen,
in den Körper.
Am liebsten leblos sein wollen,
nicht da sein wollen.
Ich will dahin, wo es warm ist.
Wo ist das?
Werde es doch um mich herum lebendig.
Ich mache dann mit.
Aber es wird nicht.
Es ist winterlich weiß.
Kälte dringt in den letzten Winkel
des vormals Leib genannten Körpers.
Ich bleibe kalt aber schiebe mich
einen Zentimeter weiter.
Weiter weg,
fast gegen den eigenen Trieb des Vergehens
und Vergänglich-seins ankämpfend.
Meine Vernunft kann nicht frieren
Und so atme ich.

Wo bin ich?

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