Felis silvestris

2. Januar 2011 Kommentare deaktiviert für Felis silvestris

von Lutzi Luise Lu

Ich habe eine kleine Denkhilfe. Sie hat vier Beine und ist ziemlich haarig, aber da kann sie nichts für, das ist so, das muss so sein. Oft lässt sie mir ihre Haare als Geschenk da, oder als Erinnerung, damit ich sie nicht vergesse. Egal, wo ich bin. Bestimmt habe ich heute Abend auch etwas von ihr dabei.

Neben den vier Beinen hat sie auch noch einen Schwanz, den braucht sie wohl wegen des Gleichgewichts. Was wohl nicht auf Schwänze im Allgemeinen zutrifft, zumindest hörte ich dergleichen noch nicht. Aber, unter uns gesagt, meine Denkhilfe läuft den ganzen Tag erhobenen Schwanzes durch die Wohnung, was ja wiederum, so oder so, ein untrügerisches Zeichen von Wohlbefinden ist.

Genug der schlüpfrigen Vergleiche. Warum meine Denkhilfe eine Hilfe beim Denken ist, lässt sich leicht erklären. Aber vielleicht verstehen das auch nur Liebhaber des schnurrenden Geschlechts. Meine Denkhilfe drängelt sich immer elegant neben mich auf den großen roten Sessel, wenn ich am Schreibtisch sitze und fleißig Texte tippe. Da sie durch heiseres und immer leicht meckerndes Miauen (alle, die meine Denkhilfe kennen, wissen, was ich meine) sehr gut deutlich machen kann, das sie jetzt wünscht, gestreichelt zu werden, bleibt mir nichts anderes übrig, als einhändig zu tippen, denn die andere Hand muss im Nacken der Denkhilfe schwerste Kraularbeit leisten.

Und dann fängt es endlich an. Der kleine Schnurrapparat wird in Gang gebracht und das leise, melodische Surren und Schnurren strömt in den ansonsten stillen Raum. Dieses kleine Gerät, was meine Denkhilfe qua Geburt mitgeliefert bekommen hat, muss irgendwo zwischen winzigem Kehlkopf und Brustkorb beheimatet sein und ich vermute, dass es durch das Streicheln von Menschenhand immer wieder erst aufgeladen werden muss, bevor es erneut abschnurren kann.

Wie auch immer, in jedem Fall gibt es eigentlich nichts besseres, außer vielleicht ein/zwei Dingen, als ein schnurrendes Wesen auf dem Schoß sitzen zu haben. Mich jedenfalls beruhigt es und gibt mir Kraft zugleich. Und, wie der Name schon sagt, das Denken fällt mir leichter, wenn die Denkhilfe in meiner Nähe ist. Auch das liegt in der Natur der Schnurrer, dass sie so unendlich viel Geduld mit den Grenzen des menschlichen Verstandes haben und stetig behilflich sind, eben solche Grenzen zu verschieben. Das wusste auch schon Cleveland Amors.

Ich bin mir leider nicht so sicher, ob diese Art der Denkhilfe nicht auch in die Kategorie Leistungssteigerung durch illegales Doping fällt und ich somit per Knopfdruck von der Uni exmatrikuliert und vom Autorenensemble exkommuniziert werde. Ist ja alles ganz legal und clean hier… Zumindest hatte ich bisher kein schlechtes Gewissen wegen der geistig-kreativen Unterstützung meines wohlig warmen Schnurrdings, das immer neben mir sitzt, egal, wo ich zu Hause sitze. Oder nachts gern auch mal über mir. Dann quetscht sich die Denkhilfe an den oberen Rand meines Kopfkissens, quer zu meinem Kopf, und lässt ihre Pfoten rechts und links neben meinen Ohren nieder. Und schnurrt natürlich.

Neulich hatte sie ein Intermezzo mit einem Teelicht, was frech und frivol auf meinem Nachttisch vor sich hin leuchtete. Die Denkhilfe war so in Schnurrekstase, dass sie nicht mehr Herr (oder Herrin) über ihre Pfoten war und stieß mit einer dieser samtenen Füßchen gegen die Kerze, worauf die umschwappte und heißes wachs über das linke Vorderbein ergoss. Es stank auch ein bisschen angebrannt, und seit diesem Vorfall hat die Denkhilfe einen kleinen wachsklumpen am Bein kleben, aber da darf ich nicht anfassen. Dann werde ich angemiaut-meckert und sie verlässt den Raum.

Seit ein paar Tagen hat die Denkhilfe einen Begleiter bekommen. Der hat sich noch nicht als Denkhilfe etabliert, ist aber ein kleiner Schlafgeist. Tagsüber sitzt der Schlafgeist unterm Bett und träumt sich eins, vielleicht von Denkhilfen in Bikinis auf Hawaii oder von anderen jungenhaft jugendlichen Dingen, denn wenn ich richtig rechne, ist der Gute grad knapp 20 Jahre alt. Also in Menschenjahren.

Meine zwei Begleiter haben beide so ihre Eigenarten. Der Schlafgeist zum Beispiel findet großes Gefallen an einer meiner Zimmerpflanzen und strullert dort immer fleißig rein. Ich weiß nicht, ob das der Pflanze gefällt, wahrscheinlich nicht. So ist das wohl, wenn man spätpubertierende Männer in seine Wohnung lässt. Ich hätte es besser wissen müssen.

Die kleine Denhilfe ist ein Hungerhaken. Sie ist sehr dünn und auch schon sehr alt und egal wieviel Futter man in sie reinfüttert, es bleibt kein Fett am Körper hängen. Vielleicht ist sie auch deswegen so dünn, weil sie zum Vomitieren neigt. Für die von euch, die keine Roman C.-Insider sind: das bedeutet so viel wie „sich übergeben“. In meiner Wohnung ist ausschließlich Holzfußboden. Ich habe nur im Wohnzimmer einen kleinen bunten Teppich, wegen der Gemütlichkeit und vielleicht auch wegen des Aussehens. Die Denkhilfe könnte nun auf jede x-beliebige Stelle des Holzbodens brechen, aber nein, sie wählt zielsicher den kleinen Vorlegeteppich. Kotzt sich vielleicht besser auf weicher Unterlage.

Da das jetzt alle wissen, sollte ich den Teppich einfach wegschmeißen, denn sonst mag niemand mehr bei mir im Wohnzimmer sitzen… naja… zu spät…

Eine andere Eigenart der Denkhilfen-Seniorin ist das penetrante Wecken zwischen 5 und 7 Uhr morgens. In anderen Kreisen nennt sich das senile Bettflucht, aber dagegen kann man nix machen. Außer vielleicht ein paar Baldrian-Tropfen in den Wassernapf vor dem menschlichen Zubettgehen, denn entgegen der Gewohnheiten der Denkhilfe, pflege ich nicht um 5 Uhr aufzustehen und sie hat mich bisher auch noch nicht davon überzeugen können, dass sie auf der Stelle den Hungertod erleidet, wenn ich ihr nicht SOFORT das Futter auffüllen gehe… Kinder, Kinder…

Aber ich höre jetzt auf. Um nochmal jemand anderen zu Wort kommen zu lassen: „Das Tintenfass wird nie leer, wenn es darum geht über Katzen zu schreiben.“ (Jean-Louis Hue)

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Erlösung

24. November 2010 Kommentare deaktiviert für Erlösung

von Lutzi Luise Lu

Der Name des Herrn in Schwarz war niemandem bekannt. Er schlenderte durch die Straßen, durch weite, graue, protzige Gefilde, schaute sich alles sehr genau an und blieb doch nie stehen. Das bedeutete Schlendern. Die Gebäude drohten alles Leben zu verschlucken. Kinderlachen und Blumenblüten waren hier fehl am Platz, sie waren wie ein ungewollter Farbklecks auf dem Bild an der Wand oder ein Streifen Farbe im Schwarzweißfilm. Nie beglückend für das Auge, das Ordnung liebte und Abnormitäten verabscheute.

Der Herr in Schwarz nahm die Umgebung in sich auf, er atmete alles ein, tief in seine Lungen hinein und presste die verbrauchte Luft in mehreren kräftigen Schüben wieder hinaus. Schmeckte alles wie immer? Sein Blick wanderte über Fenster und Fassaden, er richtete sich innerlich auf und streckte sich noch ein paar Zentimeter weiter gen Himmel. Er hatte breite Schultern, die unter seinem schwarzen Mantel besonders gut zur Geltung kamen.

Von seinem Gesicht sah man nicht viel, er trug einen Hut mit breiter Krempe, weit über seine Augen gezogen und ebenso schwarz wie der Rest seiner Kleidung. Der Herr passte auf. Er passte auf, dass alles still und grau und protzig angsteinflößend blieb. Das war seine Aufgabe, seit jeher, und er konnte sich nicht daran erinnern, jemals etwas anderes getan zu haben, jemals etwas anderes gewollt zu haben. Doch heute war etwas verkehrt. Merkwürdigkeiten lagen in der Luft. Da hinten, am Ende der Hauptstraße, blitzte ein Licht auf.

Der Herr beschleunigte seinen Schritt und stolperte mit seinen blankpolierten schwarzen Lackschuhen über ein loses Stück des Kopfsteinpflasters unter seinen Füßen. Beides war noch nie geschehen. Weder pflegte des Nachts ein Licht aufzublitzen noch war der Herr in Schwarz so unkonzentriert, dass er stolperte. Er schüttelte den Kopf, ungeduldig,  und eilte weiter in Richtung des Lichtes. Es war wieder verschwunden. Aber der Ort, wo es hin verschwunden war, der musste zu finden sein.

Der Herr in Schwarz kannte jeden Winkel seiner Stadt, denn er passte auf selbige seit Jahrzehnten auf. Vorbei an leeren, düsteren Seitengassen, vorbei an toten Geschäften und verlassenen Schaufenstern trabte er, mäßigen aber beständigen Schrittes, die Straße entlang. Aus einem der Fenster im Erdgeschoß drang ein Kichern, ein leises glitzerndes Kinderkichern. Die Jalousie bewegte sich und er erspähte eine goldene Locke und zwei dunkle Augen. Kinder? So etwas kannte er nur aus gruseligen Erzählungen. Ein Schauer erfasste ihn und eine Schicht kribbelnder Gänsehaut breitete sich über seinem großen  Körper aus. So wollte er das nicht. Kurz überlegte er, dem Spuk ein Ende zu bereiten und in die Wohnung einzudringen, da leuchtete es wieder auf, einige hundert Meter vor ihm, fast mit dem Horizont verschmolzen. Das Licht war zurückgekehrt.

So etwas verwirrte ihn noch mehr. Nicht nur ein ungewöhnliches Vorkommnis pro Nacht, nein, gleich zwei an der Zahl. Er blieb starr stehen. Das einzige, was sich bewegte, waren seine Gedanken. Er beschloss, dem flackernden Licht nachzujagen, bevor es wieder verschwand. Die Wohnung mit dem grässlichen Kinderkichern konnte schließlich nicht vom Erdboden verschluckt werden, also stellte er diese Aufgabe im Geiste hinten an. Der Herr rannte los und kam nach wenigen Sekunden an seinem Ziel an, dem Ende der Straße.

Die Straße war dort im wahrsten Sinne des Wortes zu Ende, sie hörte einfach auf zu existieren. Er traute sich nicht, einen Schritt weiter zu gehen und hoffte, dass das Licht von allein wieder auftauchen würde. Noch nie hatte er jemanden beobachtet, geschweige denn persönlich gekannt, der nach dem Ende der Straße weiter gegangen war. Er wollte sicherlich nicht der erste Dummkopf sein, der dies ausprobierte. Also schaute er sich weiter um. Minuten verstrichen wie Jahre und der Herr zog sich, einem Windstoß ausweichend, seinen Mantel enger um den Leib. Sein Blick blieb an einer kleinen oval geformten Toreinfahrt hängen und er stürmte auf sie zu.

Dem Herrn war am Ende der Straße nicht wohl zu Mute und so floh er direkt bis in den hinter der Einfahrt liegenden Hof hinein. Hier drehte er sich einmal um sich selbst und sein im Beobachten geschulter Verstand registrierte binnen Sekunden jede Einzelheit der neuen Umgebung und prägte sich jede noch so kleine Unebenheit im Mauerwerk ein.

Gäbe es Farben in der Stadt, dieser Hinterhof wäre trotzdem nur grau-schwarz. Mal blasser, mal kräftiger. Hier flackerte das Licht aus einem Kellerfenster. Der Herr vernahm seltsame Töne, seinen Ohren vollkommen fremde Töne. Sie schwebten durch die Luft, in seinen Gehörgang hinein, bahnten sich unablässig ihren Weg durch seinen Körper und klopften unermüdlich an. In ihm bewegte sich etwas. Nur sehr sachte, es wurde behutsam zum Schwingen gebracht, durch diese Melodie, durch diese Töne in der ansonsten so stillen Nacht. Der Herr schüttelte vehement den Kopf und entkam dadurch dem Zauber. Die Melodie verschwand so schnell und plötzlich, wie sie herangeschlichen war. Seine Konzentration richtete sich auf das Kellerfenster, aus dem das Licht leuchtete.

Und da war es wieder. Natürlich. Sehr deutlich zu vernehmen, ein Kinderlachen. Diesmal war es nicht verspielt und leise, sondern es klang dröhnend, wie von einem ganzen Chor, der das Weihnachtsoratorium schmetterte. Er dachte nach. Seit ewigen Zeiten war nichts  Außergewöhnliches mehr passiert. Alles verlief immer nach Plan. Nur heute Nacht  ging etwas vor sich. Etwas änderte sich. Nein, etwas hatte sich bereits grundlegend verändert, nur er, der Herr in Schwarz, hatte es nicht registriert.

Das war sein Ende. Er fühlte sich fremd und unwohl und begann zum ersten Mal in seinem langen Leben Angst zu spüren. Der Herr in Schwarz schüttelte sich, knöpfte seinen schweren Mantel auf und streifte ihn ab. Mit einem sanften Rauschen landete dieser auf der regennassen Straße. Nun war ihm freier ums Herz, er konnte besser atmen. Es wurde Zeit, dass er diesen Hof verließ. Er drehte sich herum und dann… Der Herr war verschwunden.

Welche innere Sicherheit? Oder: Auto-Terror

24. November 2010 Kommentare deaktiviert für Welche innere Sicherheit? Oder: Auto-Terror

von Lutzi Luise Lu

Gewaltige Revolutionen, Demonstrationen, Explosionen, all überall um mich herum, in mir. In meinem Kopf. Sind Menschen mehr als nur Sex?

Gewaltige Explosionen, Revolutionen, ein Ziel, mit Konsequenz verfolgt, führt in den Terrorismus. Terroristische Akte um mich herum, all überall, in mir, bin ich mehr als ein Haufen zusammengeborene Triebe?

Ein Kanonenfeuer, ein Kugelhagel aus Worten, gespickt mit Bedeutungen, dringt in mich ein, will in mein Bewusstsein. Cogito ergo sum, ich denke, also bin ich. All überall um mich herum, soll das Wesen der Welt an uns genesen?

Bewaffnete Menschen besetzen das Land. Sie sollen gegen den Terror kämpfen.

Denn:

Terrorismus ist ein Phänomen, also phänomenal. Gleich um die Ecke, hier auf der Welt, am unteren Ende, all überall um mich herum, will ich dich, will ich mich, will ich uns überhaupt – ganz und gar?

Gewaltige Explosionen, ganz nah an mir dran, bist du es, der das tut? Ist es deine Schuld?

Gewalttätige Explosionen, sehr weit von mir weg, bin ich es, die das tut? Ist es meine Schuld?

Der Zwillingsterror, nur zusammen zu verstehen, nur zusammen durchzuführen, dafür brauche ich dich.  Revolutionen, all überall um mich herum, Rebellionen, gegen das Gerüst, gegen das Konstrukt, lasst es einstürzen, all überall um mich herum, in mir, in dir, in uns.

Schau geradeaus, die Straße ist leer, der Kopf ist leer, der Sinn ist abwesend, all überall um mich herum, all überall um UNS herum, siehst du den Terror? Er wacht mit dir auf, er schläft mit dir ein. All überall, Gefangene des eigenen Terrors sein.

Ozeanisches

24. November 2010 Kommentare deaktiviert für Ozeanisches

von Lutzi Luise Lu

Was mich umtreibt ist der
Geist des Gewesenen
Was mich bewegt ist ein
Hauch Vergangenheit

Ängste und Verwirrungen
Haften immer noch
Wie Zecken im Sommer an mir

So viel ich auch
Mit Mut versuche
Tapfer das jetzt zu erkunden
So schwer hängt mir
Noch am Rockzipfel,
der Schmerz und das Leid
vergangener Stunden

Immer wieder schmecke ich es
mit allen Geschmacksnerven
Der Kummer tritt vor mich
Und erfüllt mich bis zum Letzten
Einfach so.

Ich erzittere vor altbekannter
Schwermut, die nicht leicht wird
Schwermut, die mich trug,
die mich trägt,
die mich tragen wird
Auch, wenn ich es nicht möchte

Sie ist mein Begleiter, mein Schatten
Mein Yang
Ohne sie bin ich nichts,
mit ihr viel zu schwer

Ein Ozean hinter mir,
so gut es geht im Alltag versteckt,
aber dunkelblau und wild bevölkert,
frisch und eisig klar-
nur so kann ich SEIN,
nur mit Ozean kann ich bei mir sein,
nur so mag ich leben.

Flaschensammlermädchen

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Flaschensammlermädchen

von Lutzi Luise Lu

Ich gehe durch die Straßen und meine Tasche klirrt bei jedem Schritt. Es ist heiß heute und die Riemen meines Beutels schneiden in meine Schulter und hinterlassen dort hässliche rote Abdrücke. Ich bin müde, meine Füße schmerzen, ich rieche säuerlich nach Schweiß.

Das liegt alles an dieser Stadt. An dieser Vergangenheit, an dieser Zukunft, an meinen Erinnerungen, an meinen Wünschen. Ich habe keine Zeit, mich zu waschen. Ich bin beschäftigt und überwältigt, ich brenne, ich laufe, ich schreie. Ich eile von Ort zu Ort, Schritt für Schritt, den einen Fuß wacker-tapfer vor den anderen setzend. Meine Blicke wandern über Menschen, über ihre Körper, oh über diese schönen fremden Körper, ihre Gesichter, ihre Münder. Ich schaue Häuser an und Fassaden, ich versuche, in Fenster hinein zu starren und das Leben dort hinaus zu saugen. Ich verschlinge mit meinem Verstand, ich öffne mein Herz und lasse sie herein, diese Stadt, die ich so liebe!

Meine Tasche klirrt bei jedem Schritt, denn ich bin ein Flaschensammlermädchen. Ich fülle alle Eindrücke in leere Flaschen, dann klebe ich ein weißes Etikett auf die durchsichtigen Glasgefäße, beschrifte die Erinnerungen ordentlich und verstaue alles in meiner Tasche. Tag für Tag, Stunde um Stunde. Es gibt so viel zu sehen, so viel zu merken, so viel zu lieben, wie soll ich mich da noch waschen? Ich liebe dieses Leben, ich liebe diese Stadt.

Jeder sollte einen Beutel mit Flaschen dabei haben. Wer weiß schon, wer dir begegnet und was dir begegnet, jeden Tag, in deiner Stadt?

Der letzte Tag des Sommers

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Der letzte Tag des Sommers

von Lutzi Luise Lu

Das war der letzte Tag des Sommers. Und ich war dabei! Welch großes Ereignis. Eigentlich war jeder dabei, alle quetschten sich auf ein kleines Stückchen Wiese und kämpften um den berühmten Platz an der Sonne, wie damals im Kolonialismus. Nur heute auf der zwischenmenschlichen Ebene und die Größe des zu erwerbenden Platzes überschritt keinen Quadratmeter. Am Rand der Wiese sitzt ein alter Kerl, mit Saxophon, Notenständer, Verstärker und Musikanlage. Er spielt sein Instrument und aus dem Lautsprecher drängen feinen Fahrstuhl-Jazzklänge der Freiheit entgegen. Wie passend, für diesen letzten Sommertag.

Und überall diese Pärchen. Sehen so zufrieden aus, halten sich im Arm, diese  zwei… Denken, sie sind im Märchen, sind aber doch nur ein Pärchen… Volle Fahrt voraus für Leichtprinzen und Leichtprinzessinnen. Er steht hinter ihr, umfasst locker ihre Taille, sie wackelt ein bisschen mit den Hüften, im Takt der Musik.

Wie schaffen die es nur, ihr Glück selber auszuhalten. Merken verliebte Menschen überhaupt irgendetwas? Ich stopfe meinem Neid das vorlaute Maul und finde es ganz wunderbar, dass gleich nebenan ein paar Penner sitzen, im Schatten natürlich. So, als ob sie noch einmal betonen wollen, dass sie bestimmt nicht um einen Platz an der Sonne buhlen. Eine Frau ist dabei, sie ist schwanger. Und schaut traurig aus. Im Schatten ist es kälter, der Wind kündigt den Herbst an und da, wo die Sonne nicht mehr hinkommt, hat der Herbst das Zepter in der Hand. Der Blick der Schwangeren ist sehnsüchtig auf die wärmere Seite der Wiese gerichtet, dorthin, wo die Brunnen stehen und den Jazz plätschernd unterstreichen.

Apropos Jazz? Wo ist der Saxophonspieler? Der alte Mann ist gegangen. Im Schweiße seines Angesichts hat er den letzten Sommertag musikalisch ins Finale gebracht. Aber nun scheint auch er den Herbst gespürt zu haben. Auch die Seniorinnen mit ihren Gehhilfen und Gesundheitsschuhen treten den Heimweg an. Ihnen ist zu kühl um die alten Knoche geworden.

Aber da hinten, da zappelt noch etwas, da lebts noch! Ein kleiner Mensch, ein klitzekleiner Fratz ohne Haare und mit O-Beinen. Der kleine Mensch trägt schon ein Karohemd. Ob er wohl mal Maschinenbau studieren muss? Na, da will ich lieber gar nicht weiter drüber nachdenken. Aber ein Eis darf er essen, wenigstens etwas.

Das Gefühl, nicht lachen zu dürfen, obwohl man innerlich zerspringen will vor kichernder Glückseligkeit, das kennen wir doch alle. Da hinten, da trampelt eine Erscheinung auf mich zu, wild entschlossen, wie eine Stampede. Der trinkt doch tatsächlich aus der Brunnenfontäne, der Kerl. Was trägt er denn da bloß? Nicht viel. Eine extrem kurze, hochgekrempelte Armeehose, schwarze derbe Frauenstiefel mit Absatz, einen Rucksack und ein Cap. Kein Hemd kein Shirt, nur langsam verblassende Tätowierungen. Mit strammem Schritt stürmt er an mir vorbei, weg, weg von all den Menschen, die ihn beäugen und weg vom Schauplatz meiner Beobachtungen. Er zieht von Dannen und mit seinem Abgang fällt der Vorhang und was bleibt, ist die Leere des tosenden Applauses.

Meine Damen und Herren, sie sahen den letzten Tag des Sommers.

Mein neues Lächeln

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Mein neues Lächeln

von Lutzi Luise Lu

Ist denn das zu fassen? Nichts ist heute zu fassen. Ich habe zwischen Sonnenuntergang und Morgengrauen meine Fassung verloren. Jetzt schwebe ich ohne Halt über den Dingen, kann nicht sprechen und  nicht fassen, nicht anfassen, nicht angefasst werden. Aber ich sehe alles. Von oben. Ich oben und der Rest unter mir. Heute ohne Fassung, eine Prinzessin des Diktates der Heiterkeit.

Warum sehen die Menschen so glücklich aus? Wer guckt hier verkehrt? Ich schaue in den Spiegel und sehe eine fröhliche Fassade aus Glitzer und roter Farbe, eine fest angewachsene Maske. Wer hat sie mir verkauft und wann habe ich sie bloß angezogen? Die Frau mit der eisernen Maske gibt ihr Debüt.

Die Außenwelt fasziniert mich. Ohne Fassung spaziere ich umher. Hellgrün schimmerndes Gras, mitten im Herbst, wogt im Wind während die Sonne brennt. Die Spatzen nehmen immer noch ein Staubbad und erfreuen sich an den kleinen Brocken der herunter gekleckerten Eistüten. Das Pendel der Zeit schwingt und ich soll den Himmel in fünf ganzen Sätzen beschreiben. Ich kann es nicht, er ist zu groß und ich kann auch keine ganzen Sätze bauen, denn heute ist alles nur halb. Halbherzig, halbwach, halbstark.

Die Bewohner der Welt um mich herum sind wie die drei Affen. Nichts sehen, nichts sagen, nichts hören. Keiner hat den Zugang jemals zu sich selbst gefunden, es gibt bestenfalls eine vergammelte und verschlossene Tür in einem halbdunklen Hinterzimmer, von der man eine leise Ahnung hat. Auch die drei Affen wollen nichts Böses mitbekommen. Warum sehen die Menschen dann so glücklich aus?

Gerade deshalb sehen sie glücklich aus, weil sie nicht nach ihrem Platz suchen, sondern weil sie da sind. Einfach da. Haben sie denn den Kontakt zu sich verloren? Ich versuche, mich anzufassen, aber ich habe ja letzte Nacht die Fassung verloren. Ich weiß nicht mehr wer, aber irgendjemand sang einmal „Das Leben ist ein Kopfschmerz und es wird Zeit, dass du ihn spürst“. Ich glaube, ich weiß heute, was er damit meint und ich hoffe sehr, dass ich es sobald nicht vergessen werde.

Die Sonne scheint immernoch und der Tag schleudert mir aufgedunsene Fröhlichkeit entgegen.

„FANG ENDLICH AN ZU LEBEN!“, schreit er.

„SCHÜTTEL DEINEN SPECK!“, schreit er dann auch noch und das klingt gefährlich nach einer Berliner Große-Schnauze-Band.

Man darf nicht mehr traurig sein, oder schlecht gelaunt, oder müde. Schon gar nicht darf man ohne Fassung sein. Im Jahr 2010 leben wir nicht in einer parlamentarischen Demokratie sondern in der gottverdammten und deshalb säkularisierten Diktatur der Heiterkeit. Alle sind weichgespült und irgendwie pc, viele meditieren oder machen Yoga, einige schmeißen sich ihr Glück in Pillenform, meistens am Wochenende: Alle sind immer bemüht, verdammt nochmal mit einem Lächeln im Gesicht rumzurennen.

Vielleicht sollte ich mir im Baumarkt eine Fassung kaufen oder in dieses Buch reinschauen, was beim Zahnarzt stand. „Mein neues Lächeln“. Wie die das wohl meinen?

Tourner la page!  Einen Schlusstrich ziehen, die Seite umblättern. Wieder ist alles leer. Ob ich hier nun fündig werde? Niemand gibt mir eine Garantie, nicht auf eine neue Fassung, nicht auf mein Lächeln, nicht auf meine Liebe. Das einzige, was eine ewige Wiederkehr erfährt, ist der Kopfschmerz, als Ende einer gelungenen Late-Night-Show, als Schnellwaschgang im Waschsalon, wenn die Zeit und das Geld wieder knapp sind.

Eventuell kann ich mein altes Lächeln in die Reinigung tragen und lernen, ohne Fassung zu leben.

Wo bin ich?

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