Eine sehr kleingeistige Ode an die Vomitation

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Eine sehr kleingeistige Ode an die Vomitation

Von Lutzi Luise Lu
Ich liebe Fremdworte. Gekonnt gesetzt schinden sie doch immer ordentlich Eindruck. Und ab und zu muss auch ich meinem Kleingeist und der Engstirn etwas Auslauf erlauben.

Wir klatschen in die Hände und grinsen dummdreist in die Kamera. In was für einer Gesellschaft leben wir hier eigentlich? In den Momenten, in denen ich wirklich die Augen aufmache und um mich blicke, meine Mitmenschen, Genossinnen und Genossen wahrnehme, da freue ich mich doch wirklich über die grandiose körperliche Fähigkeit der Vomitation oder auch Regurgitation. Was extrem vornehm ausgedrückt Kotzen bedeutet. Also heißt mein Text eigentlich Ode an das Kotzen, aber das hört sich nicht so fein an und wir sind ja heute Abend schließlich in einer Galerie zu Gast, und man soll sich ja nicht fremdschämen, meinetwegen.

Also, ich erfreue mich in manchen Momenten der geistigen Klarheit an der Fähigkeit des Erbrechens. Man muss es ja auch nicht übertreiben, das soll ja nicht so gesund sein. Zumindest im übertragenen Sinne. Ihr wisst schon: Manchmal könnt ich kotzen.

Besonders gerne wird mir schlecht, wenn ich Politiker in Talkrunden sehe. Da wäre ich doch wieder bei dem dummdreisten in die Kamera-Gegrinse und Geklatsche. Publikum, Gäste und ModeratorIn glotzen mit glänzenden Augen in die umher schwenkenden Linsen und freuen sich auf das vor ihnen liegende 90-minütige Hohlephrasendreschen.  Warum schaue ich mir das überhaupt an?

Das ein oder andere Mal zwingt mich mein kläglich ausgebildetes studentisches Gewissen, der mir selbstverständlich angeborene analytische Blick sowie mein wissenschaftlicher Forscherdrang zum Begutachten solch mit Hysterie gepaarter zur Schau gestellter Unwissenheit. Das habe ich einzig und allein meiner grandiosen Studienwahl zu verdanken, denn ich beabsichtige, einmal studierte Politologin zu sein. Ich hoffe doch sehr, dass sich das Ganze nicht doch noch als fataler Fehler herausstellt und ich zusammen mit meinem Abschluss ein Magengeschwür bekomme oder zumindest ernsthafte Speiseröhrenverletzungen.

Dieses politische Alltagsgeschäft ist doch der reinste Dreck, das wusste schon Machiavelli und nur der durchtriebene und rücksichtslose Fürst (Il Principe) kann wahrlich erfolgreich regieren. Es heißt übrigens, dass mit Machiavelli ein neues Zeitalter begann, nämlich das der politischen Wissenschaft.  Er war einer der bedeutendsten Staatsphilosophen und meine messerscharfe Analyse besagt, dass wir uns immer noch in einer machiavellistischen Ära befinden. Wer studiert denn überhaupt Politikwissenschaft? Wer hängt sich denn an Politik? Hängen wir alle mit drin, können dem Geschäfte nicht entfliehen, trotz noch so großartig ausagierter Politikverdrossenheit?

Wer ist das Volk? Wir sind das Volk! Auch das war eine große Lüge. Wir kennen uns doch alle nicht und trotzdem wollen wir oder sollen wir ein Kollektiv darstellen? Das Volk als riesengroße Imagination, als Projektionsfläche des Machtanspruches der wenigen Regierenden.

Die Westerwelles, Merkels und Gabriels machen keinen Spaß mehr. Was heißt doch gleich noch Demokratie? Die Herrschaft des Volkes oder Herrschaft über das Volk? Die Historiker streiten sich und doch scheint es eher Letzteres zu sein, meine Damen, meine Herren. Oder wie konnte sonst so heimlich still und leise an uns, dem harmonischen Massenauflauf vorbei, eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke verabschiedet werden? War es auch das Sommerloch? Eine Ode an die Vomitation.

Auch ein sehr schöner Anlass, sich sein Abendessen nochmal durch den Kopf gehen zu lassen, ist der Nacktscanner. Nackt? Naja, fast! Das wäre ja wenigstens noch von pornografischer Relevanz. Es ist der neuste Schrei auf dem großen Jahrmarkt der Menschenverarsche. Wenn wir schon ein Volk sein müssen, warum können wir uns dann nicht kollektiv wehren? Flugastkontrollsystem! Spielt jemand mit mir Galgenraten? Ich könnte kotzen.

Der Ganzkörperscanner steht seit dem 27.9. am Hamburger Flughafen und ist noch natürlich im Probelauf mit den sogenannten „Kinderkrankheiten“ (Zitat de Maiziere, seines Zeichens Innenminister). Kinderkrankheiten heißt in dem Fall, es piept die ganze Zeit und kein Passagier wird freigegeben. Naja, fliegt halt keiner mehr ab Hamburg. Als special effect sozusagen muckt der Apparat auch bei künstlichen Darmausgängen. Hereinspaziert, hereinspaziert: Zeigt her eure Darmausgänge, keine falsche Scham, wir sind doch schließlich im 21.Jahrhundert!

Wenn das kein Grund zum Kotzen …ääähm…zum Vomitieren ist!

Und wer sind eigentlich diese 700.000 Menschen, die hingehen und sich das Scheißbuch von Thilo Sarrazin kaufen, in dem er es bedauert, dass DIE Deutschen sich eventuell abschaffen könnten? Und Joachim Gauck, der wie eine Behörde heißt (oder heißt die Behörde etwa so wie er?) und der dazu auch noch ein elender Vollblutdemokrat ist, der Wendebengel, der plaudert im Radio über Redefreiheit und wo wir denn hinkämen, wenn ein Herr Sarrazin nicht das Recht auf freie Meinungsäußerung hätte. Und unweigerlich hat auch jeder Mensch das Recht auf Irrtum. Punkt.

Ja, aber muss man sich denn lauthals und in Buchform in der angestrengten Öffentlichkeit irren? Ich habe das Recht auf Kotzen, auf Vomitieren, ist mir auch schon egal, jetzt hab ich mich sowieso in Rage geredet. Trotz oder wegen der Redefreiheit, der wunderbaren Meinungsfreiheit. Und übrigens auch der Freiheit zum Weghören, zum Weggehen, zum Kritisieren.

Meine werten Gäste und alle anderen Anwesenden, ich danke für die verschwenderische Aufmerksamkeit. Ihr werdet irgendwann merken, wozu das alles gut war…

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