Goldene Zeiten

11. Januar 2011 Kommentare deaktiviert für Goldene Zeiten

von Sebastian Pomm

Wenn ich gewusst hätte, was passieren würde, wenn ich den kleinen Buchladen betrete, dann hätte ich ihn wahrscheinlich trotzdem betreten, denn ich mag es, wenn mir Dinge passieren, und ich mag es noch mehr, wenn Ich den Dingen passiere, ja, man könnte sagen: ich bin ein Passant. Vor dem Buchladen stand ich, weil ich in der Stadt unterwegs war. Und in der Stadt war ich unterwegs, weil ich noch Zeug für die Uni besorgen musste.

Ja, ich bin Student. Ich studiere Geographie im 7ten Semester. Und nein ich will nicht Lehrer werden. Und nein ich weiß noch nicht genau was ich später mache wenn ich denn schon kein Geographielehrer werden will. Ich will die Welt retten, soviel weiß ich zumindest. Das tue ich ja auch schon Tag für Tag. Und ja, es gibt andere Möglichkeiten. Und nein, ich werde sie jetzt nicht erklären. Und nein, ich habe wirklich keine Lust. Nein.

[Nebenbei, Ich bin froh das es jetzt das 7te ist, und nicht mehr das erste. An der Universität gibt es einen Fachterminus für Studenten des ersten Semesters: Man nennt sie „Erstis“. Die „Erstis“ erkennt man meistens daran, dass sie mit ganz großen Augen über den Campus stolpern, dass sie so verdammt engagiert, so herrlich ambitioniert und doch leicht verwirrt wirken. Die „Erstis“ sind meistens um die 19, 20 Jahre alt und sind ganz sehr stolz, das sie jetzt studieren, sie versuchen möglichst studentisch auszusehen, und sich auch so zu verhalten. Die „Erstis“ haben ihre eigenen Gruppen im Studi-VZ. Etwa „Geographie Erstis WS2010 – Die Welt ist rund“ oder „Erstis-Mädchen Medizin 10 – Der Prof. ist sooo süß“ und so weiter. Die „Erstis“ treffen sich zu Ersti-Partys in der Karli. Die Erstis sind die Elite von morgen. Die Erstis, ein Leben im Diminutiv. Und wenn eine Gruppe Erstis hinter einem Dozenten herläuft, der ihnen zeigt, wo ihr Hörsaal ist, dann grinsen die Studenten der höheren Semester so breit, das ihnen der Kopf nach hinten Klappen würde, wenn ein Windstoß käme. Und ich wüntsche mir Wind, einen großen Wind. Doch nun bin ich ja einer von denen die grinsen…]

Jedenfalls war ich in der Stadt unterwegs, um mir noch dies und das zu kaufen, da stehe ich plötzlich vor diesem kleinen, schon von außen recht verstaubt wirkenden Buchladen in einer Seitengasse. Ich öffne die Tür und gehe hinein und stelle fest, dass ich nicht überrascht bin, denn auch von innen wirkt der Buchladen verstaubt, ja, man könnte sagen er ist es. An der Kasse, und es ist natürlich keine moderne Computergestützte High-Tech-Registrier-Kasse sondern ein altes Blechding mit Hebeln bei dem man sich denkt: ein Lederbeutel hätte es auch getan – an der Kasse sitzt ein altes verhutzeltes Männlein und hat die krumme Nase tief in einem Buch vergraben.

Natürlich hatte ich nicht ernsthaft mit einer jungen, leicht bekleideten Amazone gerechnet, die sich halb offenen Mundes mit Milch übergießt, weil ihr so heiß ist. Doch kann man ja nie wissen. Ich bleibe trotzdem, und hoffe, dass der alte Mann an der Kasse keine Milch mag. Hätte ich einen Hut, so würde ich ihn schwungvoll ziehen, so sage ich nur laut und deutlich „Guten Tag.“, wie meine Frau Mama es mich gelehrt hat. Ein grunzen ist die antwort und so beginne ich zu stöbern. Allerdings muss ich zugeben, dass ich das nicht wirklich kann. Stöbern.

Ich lese gern und viel und es würde wohl gut zum dichter-image passen, wenn ich es lieben würde stundenlang in Bücherläden rumzuhocken und ein Buch nach dem anderen durch zu blättern und dabei latte-macchiato mit Karamelgeschmack zu trinken. Das wäre eine richtig romantische Eigenart. Aber es tut mir leid: Ich kann es einfach nicht. Ich mag nur schwarzen Kaffee ohne Zucker. Und es nervt mich, in eine Bücherei zu gehen ohne zu wissen, was ich will und von wem. Meistens schaue ich nach Büchern, die ich sowieso schon kenne, wahrscheinlich ist die Informationsflut für mich einfach zu groß. Trotzdem versuche ich es immer wieder.

So stehe ich nun also auch hier vor den Regalen und versuche möglichst interessiert und weltmännisch zu wirken. Und weil ich mich von dem Männlein an der Kasse beobachtet fühle, und als kompetenter Buchkenner, als Stöber-Experte, dastehen will, ziehe ich irgendeinen Band aus dem Regal. Noch bevor ich den Titel richtig lesen kann, habe ich eine Hand auf der Schulter:

„Nicht das, es ist verflucht“ Der alte Sack von der Kasse.
„Oh.“ Sage ich, und stelle das Buch schnell wieder ins Regal zurück, denn meine Mitbewohner haben mir verboten, wieder mit einem verfluchten Buch nach hause zu kommen.
„Und das hier?“ Ich zeige auf ein anderes, daneben.
„Das ist auch verflucht. Kähähähä“.
„soso. Alle Bücher verflucht, was?“
„nein, einige sind verdammt“
„und was ist mit dem hier?“ ein buch mit golden schimmerndem Einband.
„neiiiin! Nicht das!“
„und dieses?“ ein rotes Buch
„neeiiiin!“
„und welches ist weniger verflucht?“

Schweigen. Während der alte Sack etwas überrumpelt wirkt denke ich darüber nach, wie er wohl seinen kleinen Laden finanziert, wenn er den Kunden die Bücher so schwachsinnig ausredet. Und warum er sie überhaupt zum Verkauf feilbietet.

„das erste“
„mhm?“
„das mit dem goldenen Einband, es ist weniger verflucht“
„oh. Ja, ja. Gut. Danke.“

Ich nehme also den Schmöker und suche mir eine Ecke im Hinteren Teil des Ladens, damit sich niemand mehr an mich heranschleichen kann und von wo ich den Greis im Auge behalte, ob er nicht doch einen TetraPack Milch auspackt und bei dem Gedanken daran wird mir kurz schlecht. Um mich abzulenken öffne ich das Buch und lese:

Wenn ich an goldene Zeiten denke, dann sehe ich zuerst einen kleinen Jungen mit aufgeschürften Knien, der im Dreck spielt, und den ganzen Tag durch die Gegend stromert und frei ist, so frei von allen bedenken und der die schönste und wahrste aller Einsamkeiten genießt, ohne es zu wissen. Denn nur kleine Kinder sind wirklich einsam, und sie sind glücklich damit. Scheiß Buch, denke ich und blättere ein paar Seiten weiter:

Und ich sehe einen jungen Mann, der, nun kein kleiner Junge mehr, auf der anderen Seite der Welt, in einer warmen Nacht, auf der offenen Ladefläche eines Transporters sitzt der über holprige Wege zwischen Palmen hindurch ins nichts fährt, und der junge Mann schaut in den Sternenhimmel und er sieht den Gürtel des Orion und das Kreuz des Südens lächelt still und glücklich vor sich hin… Naja… wieder Blättere ich weiter

Und so viel mehr sehe ich, wenn ich an goldene Zeiten denke, ich sehe den jungen Mann, wie er, seine Boxershorts auf dem Kopf und ein Handtuch als Cape umgebunden, einen geschnitzten Stock in der Hand, über einen Hügel in den Rumänischen Vorkarpaten rennt und laut singt und dabei über seine eigene Blödheit lachen muss, und wie er später am Lagerfeuer sitzt und trunken von Glück und Palinka immer noch grinsen muss, weil er so herrlich blöd ist. Ich muss auch grinsen und blättere weiter

Wenn ich an Goldene Zeiten denke, dann sehe ich den jungen Studenten und wie stolz er ist, und wie verliebt in das Leben und in sich selbst und wie er eines Tages den verstaubten Bücherladen betritt, und wie sich dort keine junge, gut aussehende Amazone räkelt und wie er dieses seltsame Buch findet. Oh wie mysteriös, da findet also einer ein buch in einem bücherladen… ich blättere ins letzte drittel des Buches:

Was kann man nicht alles sehen, wenn man an goldene Zeiten denkt, und was gibt es nicht zu erzählen. Wir Erinnern uns gerne an die schönen Dinge und blenden dabei die weniger schönen aus. Wir sind Sammler, wir sammeln Erinnerungen, jeden Tag tun wir das was wir tun, um uns daran erinnern zu können, und jede neue Erfahrung verändert den Blick auf die alten.

Und wir lagern unsere Erinnerungen ein, als wären sie ein ganz besonderer Wein, und sind ein paar Jahre vergangen, dann holen wir den Wein aus dem Keller, und nehmen einen Schluck und wenn er uns schmeckt, der edle Wein, dann streuen wir goldstaub hinein, das die Erinnerung ewig in goldenem Licht scheint, und so sammeln wir unser Leben lang, und wenn wir alt sind und die Welt an schärfe verliert, das Leben uns überholt hat, dann gehen wir in den Weinkeller und trinken eine Flasche nach der anderen Leer. Und eigentlich klingt das ziemlich schön. Und eigentlich wäre es toll, wenn man die ganze Welt mit diesem glitzernden Goldstaub bestäuben könnte…

und eigentlich… blabla, und eigentlich geht es doch nur darum, dass wir als alte Säcke unsere Enkel und Urenkel mit Geschichten nerven können, die lange her sind, und die keiner mehr hören will, denke ich, Und ich weiß, meine Enkel werden aus Höflichkeit Interesse vortäuschen und ich werde es mit hämischer Freude genießen. Und ich blättere auf die letzte Seite:

Wenn ich an goldene Zeiten denke, dann sehe ich den ausgelernten Studenten, wie er keinen Job findet, nicht die Welt rettet, und deshalb seinen kleinen Bücherladen eröffnet und sich für verdammt lustig hält und den Leuten, quasi als Verkaufsgag erzählt, das die Bücher verflucht sind und dabei seine Stimme verstellt. Und wie der nun stolze Bücherladenbesitzer immer älter und weniger stolz und komischer wird, und bald stets einen Tetrapack Milch bereit hält um sich damit zu übergießen. Man weiß ja nie.

Und ich sehe, wie eines Tages dieser junge, so verdammt gutaussehende Student in meinen Bücherladen kommt und laut „Guten Tag“ sagt, wie seine Mutter es ihn gelehrt hat, und ich …

Erschrocken klappe ich das Buch zu. Die Sekunden strecken sich, wie in diesem Film, Matrix. Ich wirbele zeitlupe herum: Der alte steht an der Kasse, in der Hand einen geöffneten Tetrapack Milch, und er hebt ihn über den Kopf und langsam neigt sich seine Hand und ich sehe schon den ersten Tropfen. Wie er so weiß und wunderschön, als wäre es der allerallerste Tropfen, wie er so perfekt in schimmernder Harmonie seinen langsamen weg nach unten antritt.

„neeeeiiiiiiinnnnnnn“ rufe ich in Zeitlupe und werfe das goldene Buch, im Flug hinterlässt es so kreisförmige Schallwellen, während ich zur Tür hechte, sie aufreiße, keinen Blick nach hinten werfe aus dem Laden springe, mich abrolle, aufstehe, und heimgehe, als wäre nichts gewesen. Hinter mir explodiert das Schaufenster. Und das Feuer färbt den Sonnenuntergang rot. ich blicke mich nicht um.

Als ich auf meinen Bus warte, spiele ich mit dem Gedanken, vielleicht einst selbst mal einen Bücherladen zu eröffnen, weil angeblich finden ja so viele Studenten keinen Job, und ich habe Durst, auf Milch…

Advertisements

Das Du und das Ich

11. Januar 2011 Kommentare deaktiviert für Das Du und das Ich

von Sebastian Pomm

Du – bist geheimnisvoll wie ein versunkener Schatz.
Du – bist so sanftmütig, ein in sich ruhender See an dessen Grund man erwähnten Goldschatz funkeln zu sehen glaubt. Und dennoch sollte man sich hüten deinen Zorn zu erregen, denn
Du – bist stark, bist verwegen, hast das Zeug zu einer Legende, bist eine Naturgewalt in deiner Wut, wagt es irgendjemand, sie loszulassen.

Du – Hast so viele schöne Worte für alles und wickelst damit jeden um den Finger.
Du – sagst man kann über alles reden und ich glaube dir, weil du so überzeugend bist, und selbst wenn man dir nicht glaubt, will man dir glauben.
Du – dir, wäre nichtmal Alice Schwarzer böse, wenn du nicht genderst, beim reden, einfach weil Du so charmant bist, in deinem machismo. Politisch korrekt? warum?

Du – mit deiner freundlichkeit, du hast immer einen guten Ratschlag und einen Schulterklopfer übrig und danach ist die Welt ein kleines Stück heller, einfach weil du es sagst.
Du – bist kein Übermensch, hast auch deine kleinen Fehler und grade die machen dich so liebenswert.
Du – bist ein heimlicher Romantiker, fängst in einem Schmetterlingsnetz aus Tautropfen die ersten Sonnenstrahlen und webst daraus Tagträume und hast dabei nichtmal ein schlechtes Gewissen, dir wird nichtmal schlecht dabei. Mir wird nicht mal schlecht dabei, weil irgendwie ist das ja auch schön.

Du – bist trotz allem niemand von dem man sagt, das er lieb ist, weil du bist hart aber fair in deinem Urteil, und du kannst auch ein ganz schönes Arschloch sein, und trotzdem oder grade deshalb liegt dir die Welt zu füßen.
Du – Gehst durch diese Welt und blickst nicht zurück um zuzusehen, wie der Weg hinter dir verblasst und ausfasert. Es ist dir egal. Du weißt das die Vergangenheit existiert, lässt dich aber nicht von ihr beherrschen. Kein Selbstmitleid.
Du – bei dir ist alles scheinbar so leicht, mit deiner elenden Leichtigkeit, scheinbar kann dich nichts längere Zeit aus der Fassung bringen. Du wischst mit einer Handbewegung einfach so alles beiseite und die Sache ist erledigt. Einfach so. Schnipp. Diese schulterklopfende Leichtigkeit. Schnipp.

Du – würdest wahrscheinlich selbst wenn die Welt untergeht, auf den Trümmern noch spontan einen kleinen Stepptanz aufführen und einen blöden Witz parat haben. von dem du selber weißt, das er blöd ist, was dir aber nichts ausmacht – mit deiner elenden Leichtigkeit.
Du – grinst nur dein bezauberndes Grinsen und denkst die ganze Welt liegt deinem Charme zu Füßen, und das tut sie auch, verdammt nochmal, das tut sie auch, es ist nicht zum aushalten.

Das alles hättest du antworten können, als ich dich frage: Sag mal beste Freundin: wie findest du, als Frau, mich, als Mann eigentlich so? Sei ehrlich.
Aber alles was du sagst ist: Ich finde du bist lieb.
Und ich verstehe es nicht und schmolle beleidigt.

Für Theo

11. Januar 2011 Kommentare deaktiviert für Für Theo

von Sebastian Pomm

Noch bist du nicht mal einen Meter,
Noch kackst du ständig in die Hosen.
Doch ändert sich das früher oder später,
Du wirst mal einer von den ganz ganz Großen.

So wie ich meinen Bruder, deinen Vater kenne,
Macht er aus dir ‘nen wunderbaren Menschen.
Wahrscheinlich bist du sogar echt gut in der Penne,
Denn deine Mutter hat da auch ein Händchen.

Den ganzen Rest dann, überlaß nur mir.
Okay, das mit dem kacken, da kann gerade ich nichts machen…
Doch was den Unfug anbetrifft, das fabulieren,
Da, Theodor, da – lassen wir es richtig krachen.

Jonglieren zeig ich dir, und Purzelbäume schlagen,
Und wie man mit dem Fahrrad coole Brems-Stunts macht.
Lass uns mit Stöckchen gegen Brennesseln die Bösen träume jagen,
Das du gut schlafen kannst, bei Nacht.

Wenn du das mit dem Krabbeln auf die Reihe kriegst,
Dann bring ich dir das richtig coole tanzen bei,
Das mit dem Sabbern krieg ma auch noch hin.
Denn Frauen küssen, will verstanden sein.

Noch bist du nicht mal einen Meter,
Noch kackst du ständig in die Hosen.
Doch ändert sich das früher oder später,
Du Theo, du wirst mal einer von den ganz ganz Großen.

Mutters Traum

11. Januar 2011 Kommentare deaktiviert für Mutters Traum

von Sebastian Pomm

Einst, Mutter, hast du mir von diesem Bild erzählt,
Wie du mich findest, liegend unter einem Baum
Ganz leichenblass bin ich und stille,
Im weißen Tageslicht in deinem Traum.

Er ist mein eigener geworden
Ich trag es in mir dieses Bild,
Wenn mich die Nacht von neuem ruft,
Mit ihren Düften – so verheißungsvoll und wild.

Oft schlaf ich totentief und traumlos
Durchtanzte Monde, meistens schlaf ich kaum
Wenn ich erwach‘ seh‘ ich in Sepia Blätter fallen – lautlos
– Dein Traum Mutter, dein Traum.

Mate Unser

11. Januar 2011 Kommentare deaktiviert für Mate Unser

von Sebastian Pomm

Mate unser,
Die du bist in der Flasche.
Geheiligt werde dein Extrakt.
Dein Geschmack komme.
Deine Wirkung geschehe.
Wie im Gaumen,
So auch im Körper.

Unseren Täglichen Schluck gib uns heute.
Und vergib uns unseren Schlaf,
So wie auch wir vergeben unseren zufallenden Augen.
Und führe uns nicht in den Traum,
Sondern erlöse uns von der Müdigkeit.
Denn dein ist das Koffein, und die Mate und die Herrlichkeit.
In Ewigkeit:

Mate.

Erinnere mich

23. November 2010 Kommentare deaktiviert für Erinnere mich

von Sebastian Pomm

Ich bin dem Lebensgeist verfallen,
der Nacht, dem vollen, düfteschwang’ren Sein,
dem Farbenfeuersturm durchtanzter Monde
dem tiefen Todestraum im Sonnenschein

„Der Hippocampus ist der Teil des Gehirns, in dem Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis überführt werden“, sagt die Psychologin zu mir. Ich stelle mein Bier zurück auf die Bar. Wir sitzen nicht auf einem roten Sofa. Im Allgemeinen ziehe ich Barhocker roten Sofas vor. Es gibt eigentlich nicht viele Sitzgelegenheiten denen ich Barhocker nicht vorziehe. Vielleicht abgesehen von dem rosa Klappstuhl in meinem sonst leeren Zimmer, auf den ich mich gelegentlich nackt setze um die Weltherrschaft zu planen.

Ich bestelle ein weiteres Bier. Keine Ahnung, ob es das 4te oder 5te ist. Ich habe auch keine Ahnung, ob die hübsche Frau neben mir wirklich Psychologin ist, aber wenn mir eine hübsche Frau sagt, sie ist Psychologin, oder sonstwas, dann glaube ich das in der Regel. Das macht das Leben sehr viel einfacher. Konnte sie mir ja auf meine Frage nach dem Hippocampus antworten.

„Es wurde nachgewiesen, dass sich im erwachsenen Gehirn im Hippocampus neue Verbindungen zwischen bestehenden Nervenzellen bilden und dass diese Neubildung mit dem Erwerb neuer Gedächtnisinhalte zusammenhängt.“ „Soso“ sage ich zu ihrem Vortrag. Die geistreichste Bemerkung die mir noch einfällt, wenn es schon egal ist ob ich das 4te oder 5te Bier bestelle.

Mein trüber Blick fällt auf die eine Ecke des Raums in der sich die Kinder der Nacht begeistert um eine Karaokemaschine scharen, welche nur 3 Lieder spielt, und keines davon kenne ich richtig. Trotzdem habe ich es vorhin versucht, das Karaokesingen. Ich hoffe mein Hippocampus tut mir den Gefallen und übernimmt die Erinnerung daran nicht in mein Langzeitgedächtnis. Ich hoffe auch, dass das Bier ihm dabei hilft mir diesen Gefallen zu tun.

Um meine Worte von eben zu bekräftigen, sage ich „So, so.“ Die neue Flasche steht mittlerweile vor mir auf der Bar. Einem Impuls folgend, nehme ich sie, stehe auf und verlasse den Laden. Die Nacht umfängt mich mit ihrem schwarz-samtenen Schleier. Ihre frostigen Lippen aus Winterwind streichen mir einen glitzernden Kuss auf die Wange.

…ich stolpere einen Schritt, zwei…

Die Liebe suche ich in lauen Nächten,
wir tanzen wild, wie Motten um das Licht,
ein Kreisel dreht sich, dreht sich, wo die Triebe Netze flechten
und Ruhe – find ich nicht.

…ich tanze einen Schritt, zwei…

Schwesterchen komm tanz mit mir, beide Hände reich ich dir.

Wir drehen uns Brummkreisel, Brummkreisel. Dein schillerndes Lachen über meine unbeholfenen Versuche den coolen Tänzer zu mimen. Deine tiefen, schönen Augen voller Wahrheit, der Duft deines Haares nach Sonnenschein. In dieser Welt aus Schweiß, Zigarettenqualm, Alkohol und tausend bunten Pillen.

Mit den Händchen klipp klipp klapp, mit den Füßchen tipp tipp, tapp.

Deine Hand streift scheu, wie zufällig, die meine. Ich will nach ihr greifen, doch ich bin zu langsam. Du entfernst dich weg von mir, zurück in das Meer auf der Tanzfläche, aus welchem du entstiegen bist um mir den Kopf zu verdrehen. Noch einmal versuche ich, in deine Richtung zu tänzeln, und du bist weg. Stattdessen pralle ich auf einen der drei Kerle. Diese typische Jungsgruppe, welche sich zu dritt auf die Tanzfläche verirrt hat, und arhythmisch zur Musik wackelt, während man möglichst lässig versucht ein Gespräch zu führen.

Die Bar verkauft mir nur ungern noch eine Flasche Turbo-Mate. Ich hätte mir die guten Tipps zum Cocktailmixen wohl sparen sollen. Auch der Vortrag übers Bierzapfen war wohl ein wenig übertrieben. Klugscheißergen. Was soll ich machen? Die Kinder der Nacht bewegen sich mehr oder weniger gut zum Takt der Musik. Man tanzt.

Nach Jahrtausenden der Evolution menschlicher Kultur. Nach der Erfindung der Gruppentänze, der Paartänze, nach dem unsere Kultur den Zenit der Kultiviertheit erreicht hat, finden wir nun endlich, endlich zum einzelnen, planlosen Rumgehüpfe zurück. Trommeln, Lagerfeuer und Schamanen, sind durch Boxen, Stroboskop und DJ ersetzt. Und statt Fellen und Knochenketten, tragen die meisten H&M. Aber sonst passt der Rest. Vielleicht mal abgesehen davon, das manch einer, im Laufe der Evolution den Rhythmus verloren zu haben scheint.

Was soll’s? Ich kann mich als Kind dieser Zeit ständig für meine Brüder und Schwestern schämen, oder versuchen das Beste draus zu machen und wenigstens ein wenig Spaß haben. Sorgfältig darauf bedacht, nicht durch zu großes Taktgefühl unangenehm aufzufallen, wanke ich zurück in die Brandung der Tanzenden, auf der Suche nach meiner Meerjungfrau.

…ich tanze einen Schritt, zwei…

Da ist ein rauschendes Konzert, das mir den Takt gibt,
unerbittlich dirigiert
in den smaragd’nen Zauberschuhen tanz ich,
bis Bacchus die Geduld verliert

…ich gehe einen Schritt, zwei…

Durch dieses goldene Licht im frühen Herbst. Das gibt es sonst nicht. Sonnenstrahlen, gebrochen und reflektiert an gelben, roten und grünen Blättern. So weich und so voller Abschied. Die Luft so still vor den ersten Stürmen des Herbstes. So still, dass sie fast traurig wirkt. Melancholie.

Die Kinder des Tages finden sich wie immer, wenn es so wirkt als könnte man rausgehen, auf der großen Brücke im Park zusammen. Da sitzen sie alle. Wie die Hühner auf der Stange. Früher haben sich die Menschen auf dem Marktplatz getroffen, um ihre Waren feilzubieten. Heute trifft man sich auf der Brücke im Park und bietet die eigene verdammte Coolness feil.

Meine Füße rascheln durch das erste gefallene Laub. Die Kinder des Tages, die Kinder der Nacht. Später treffen sich vielleicht Alle zur Matinee im Richard-Wagner-Hain oder sonstwo. Ein großes Kostümfest mit Elektromusik. Doch jetzt sitzen sie hier. Ich muss an Cafés in Paris denken, wo alle Stühle auf dem Freisitz so ausgerichtet sind, das jeder Gast auf die Straße und die vorbeigehenden Passanten blicken kann. Wie Kino. Promenaden-Theater.

Wo sitze ich auf dieser Brücke? Oder laufe ich vorbei? Sitze ich da und warte darauf, dass jemand kommt, den ich kenne? Das mich jemand abholt? Mein Schicksal?Meine Meerjungfrau? Meine Psychologin? Ich schüttele den Kopf.

…und gehe einen Schritt, zwei…

Doch klingt wenn’s still ist, und ich lausche
Noch eine andre, leise Melodie
Am Tag sanft eingewebt im Traume,
zerspringt beim kleinsten Atemhauch – so zart ist sie
ganz selten hör ich deutlich ihren Klang
wie der des Wassertropfens tief im Brunnenschacht
der Klang der Träne die einst über meine Wange ran
die Melodie des Schnees der fällt in einer Winternacht

…ich stapfe einen Schritt, ich stapfe zwei…

In richtigen Wanderschuhen sollte man nicht laufen, man sollte stapfen. Stapfen macht auch viel mehr Spaß als Laufen, weil es sich so herrlich nach Urgewalt anfühlt. Ich stapfe durch diesen alten Buchenwald, irgendwo weit weg. Wäre da nicht der Pfad in den sich Bauernfuhrwerke im Laufe der Jahrhunderte eingegraben haben, ich könnte mir vorstellen, ich wäre der erste Mensch an diesem stillen Flecken der Erde. Zwei Schmetterlinge tanzen an der Rinde eines Baumes entlang durch die Sonnenflecken, als würden sie ein Spiel spielen, zur Melodie des sommerlichen Windes tanzen, der leise durch die Blätter rauscht. Sonst ist es ganz still. Ich blicke vom Kamm des Hügels, auf dem ich wandere hinab auf das grün dieses Waldes. Stille. Ich halte den Atem an. Ein Moment ist alles, was du von Perfektion erwarten kannst. Wer hat das gleich noch gesagt? Ich seufze und stapfe weiter…

…einen Schritt, zwei…

Und sitze mit dir auf einer Bank. Die Luft ist schon warm, doch liegt noch Schnee im Stadtpark. Die ersten Knospen tupfen die kahlen Bäume mit mildem Grün. Ich blicke in deine Augen und da liegt der Frieden, den ich so lange vergessen wähnte. Der Frieden, die Stille, Vergangenheit, Zukunft.

Erinnerungen. Erinnerst du dich? Erinnere dich! Erinnere mich. Erinner‘ ich mich? Du erinnerst mich. Erinnern? Ich?

Ein Lied das trauernd singt,
von einer längst vergess’nen Welt des Friedens
die voll von Wind ist, der bunte Blätter durch die Wälder weht
und tanzt mit weißem Sand, in großen kalten Wüsten
Ein Lied, das Sehnsucht in mir weckt, nach weißem Licht,
dass Wellen schlägt und Wellen schlägt….

Sonnenkönig

11. Oktober 2010 Kommentare deaktiviert für Sonnenkönig

von Sebastian Pomm

Was er im Sommer besonders liebte, waren die Sonntagnachmittage.Wenn jeder Zeit hat, und niemand Lust irgendetwas zu tun. In herrlicher Langeweile auf dem Sofa liegen und zuschauen, wie der Staub im Licht der Sonne tanzt.

Wenn die Großen sich nach ihrem Verdauungsspaziergang dann hinlegten um zu schlafen, schwang er sich entschlossen auf sein kleines Fahrrad um allein, als kleiner König der Welt in seinem Reich nach dem Rechten zu sehen. Eine schweigende Welt aus staubigen Fußwegen und flimmernden Straßen, an denen sich große blassbunte 3 bis 4-stöckige Jugendstilhäuser müde aneinander lehnten um nicht im wabernden Asphalt zu versinken.

So strampelte er langsam und schnaufend Berg auf, rasend und jauchzend Berg ab und würdevoll gemächlich gerade aus. Hoch und stolz erhobenen Hauptes an den seltenen, von der Hitze gebeugt gehenden Fußgängern vorbei blickend. Manchmal schnitt er auch Grimassen und streckte ihnen die königliche Zunge raus, würdevoll versteht sich.

Wenn das dröhnen einer Karre ab und zu durch die schlafende Stille schnitt, so musste das rauchende Ungetüm, wenn es das Pech hatte dem König der Welt zu begegnen, so lange mit hängendem Drachenhaupt fauchend und hupend hinter dem Schlängellinien fahrenden Sonntagsaristokraten her schleichen bis dieser sich herabließ die Bahn frei zu geben, oder in einem Anflug von Gnade beschloss, virtuos nur mit einer Hand sein Drahtross führend, den vierrädrigen Lindwurm mit erhabener Gebärde der freien Hand vorbei zu winken.

So wachte er über sein kleines Reich, in dem er jeden Schleichweg, jedes Versteck, jeden Stock und jeden Stein kannte. So wachte er, der König in kurzen Hosen, T-Shirt und Dachmütze.So wachte er über sein Reich der Sonne.

Pflichtbewusst hielt er an Ameisenstraßen, sperrte sein Streitross ab und folgte den schwarz glitzernden Pfaden zu Fuß durch schattige Hinterhöfe, an rissigen Mauern entlang, über Gehsteige, kleine Wiesenflecken und sorgfältig gepflegte Trampelpfade in Schrebergartenhecken, bis zu den versteckten winzigen Städten in denen ihm seine treuesten und kleinsten Untertanen zu huldigen pflegten. Dort verweilte er, ließ sich in voller Größe bestaunen, prüfte mit leuchtenden Augen sorgfältig jedes neue Wachstum im Staat, verteilte ab und zu mit klebrigen Aristokratenhänden geschmolzene Leckereien aus seinen Hosentaschen an das Volk oder pikste gekonnt Stöcke an entscheidenden Stellen in die wuselnden Haufen um die Statik zu verbessern oder faule Untertanen zu strafen.

Dann schwang er sich wieder auf sein Roß, wich glitzernden Glasscherben vor alten Bruchbuden aus, ließ sich schreiend von ärgerlich summenden Wespen jagen, die er bei ihrem trägen Umkreisen der Mülleimer mit Steinschleuderbeschuss gestört hatte. Er übte Staubwolken werfende Vollbremsungen auf dem sorgfältig im Gleichmaß verteilten Schottersand verlassener Bolzplätze bis diese von einem Furchenmuster bedeckt waren, an Gartenzäunen ließ er in rasender Fahrt lachend den Haselnussast der Gerechtigkeit rattern und brachte so die Holzlatten zum singen, durch den großen geometrischen Garagenkomplex fuhr er stolz grinsend und freihändig, und erkundete ehrfürchtig den seit Jahren geschlossenen, kleinen Bahnhof, dessen einziges Gleis unter dem verbrannten Gestrüpp das dort überall wucherte kaum zu sehen war.

In ein dickes, altes Zementrohr, aus dessen tiefen ein ewiges, müffelndes Rinnsal troff, sang er lauthals seine Lieder in einer Sprache, die nur ein König der Sonne und seine Untertanen verstehen konnten und bei jeder Strophe begleitete ihn der Chor der Geister aus der dunklen Tiefe, die aus Ehrfurcht seine Stimme nachahmten und deren Freudentränen das Rinnsal verursachten wenn sie den kleinen König hörten, und deren Tränen der Klage das Rinnsal erhielten wenn der König wegging, weil sie ihn niemals durch das Sonnenlicht begleiten durften.

Ja er war ein strenger König, unser kleiner Monarch doch wusste er, das es so am besten war, für die traurigen Geister.

Zurück auf den sonnenbetäubten Straßen fuhr er mit der klingelnden, klappernden Straßenbahn um die Wette, ließ sie aber, Atemlosigkeit vortäuschend, immer gewinnen, denn weise war er auch, und machte sich die schlechten Verlierer zu Freunden, in dem er selbst verlor.

Und wie stattlich war er, der kleine Kavalier auf seiner Drahtkavallerie, auf dem Ross dem er nur wenig Öl zu trinken gab, das es besser wieherte, so fuhr er, wie zufällig, Ehrenrunden in einem besonderen Hinterhof vor dem besonderen Fenster einer kleinen blonden Prinzessin die er, waren seine Freunde dabei, stets an den Haaren zog oder boshaft mit gefangenen Spinnen und Käfern ärgerte. Bei den einsamen Sonntagsheimsuchungen aber, blickte er nie auf zu den Blumengardinen, selbstverständlich nicht aus Schüchternheit, sondern in dem sicheren Wissen das man ihn sah, hörte und bestaunte, wie er quietschend den Hof machte.

Und edel war sein Herz, gütig und rein, wenn er gefangene Schmetterlinge wieder aus seinen Händen entließ und offenen Mundes ihren unsteten Flug verfolgte oder die hastig strampelnden Mückenlarven geschickt aus Regentonnen rettete, wenn er mit dem Haselnussast der Gerechtigkeit schreiend gegen die Heere wuchernder Brennnesseln anrannte bis seine unbedeckten Beine und Arme schrecklich juckten oder wenn er im kleinen schattigen Wald in einer verzauberten Ecke der Welt von den quakenden Feen, den zwitschernden Elfen und flitzend glitzernden Libellen beobachtet wurde, wie er das nur grade so zu überspringende, reißende Bächlein fleißig mit Dämmen aus Steinen staute, so kunstfertig und für die Ewigkeit errichtet, das die Ägypter sich bei deren Anblick wegen ihrer mickrigen Pyramiden in Grund und Boden geschämt hätten.

So wachte er, der kleine König eines großen Reiches, so prüfte und erhielt er die Ordnung, geschulten Blickes und weisen Entschlusses.

So wachte er über die Welt, der König. So wachte er, bis die heißen, blassen Strahlen der Sonne, golden und spärlich wurden und die schummrig abkühlende Luft sich mit dem starken Aroma der entfachten Grillkohleglut füllte und es nach grünem Salat, roten Tomaten, frisch geschnittenem Brot, abkühlendem Asphalt und kaltem Wasser duftete, bis langsam die Großen erwachten, bis aus den geöffneten Fenstern der Häuserreihen die Stimmen der Fernseher, die nun statt der Straßen flimmerten, laut wurden und bis in den Gärten am Rande der Welt geklappert, geklirrt und geredet wurde und erste Lichter den Mücken zeigten, wo sie hin fliegen mussten.

Dann ritt er, der Kurzehosenmonarch, auf seinem treuen Ross, glücklich und hungrig zurück in seine Burg.

Wo seine Mutter schon im Garten nach ihm rief, wo die Großmutter wegen seiner aufgeschürften Knie erschrak, während der Großvater leise lächelte. Wo er sein Fahrrad zurück in den Schuppen schob, wo er dem Vater beim Grillen störte, die Geschwister ärgerte und alle mit seinen ewigen Fragen nervte.

Um dann als kleiner müder Junge mit vollem Bauch und gutem Gewissen, wie die Sonne hinter dem Horizont, zufrieden in sein weiches Bett zu sinken und von großen Taten, von kleinen Untertanen, feurigen Ungetümen, Erdgeistern, blonden Prinzessinnen und einer stillen, friedlichen Welt, ganz von Licht durchflutet, zu träumen.

Wo bin ich?

Du durchsuchst momentan die Kategorie Sebastian Pomm auf Roman C..